Eine Frau hebt die Hände, im Hintergrund sind Blitze

Das Comeback der Hexen und was das mit Feminismus zu tun hat

The With Is Back

11 Min.

© Pexels/ Vladimirrajber

Die Hexen sind wieder da. Doch waren sie je weg? Vielleicht waren sie schon immer unter uns. Und möglicherweise bist du eine von ihnen …

“Ich will nicht, dass sie nackt unter dem Vollmond tanzen!” – “Aber Schätzchen, natürlich nicht, Nackstein ist vollkommen freiwillig!” Wer dieses Filmzitat erkannt hat, bekommt vielleicht gerade Lust auf Mitternachts-Martinis. Die Fantasy-Komödie “Zauberhafte Schwestern” aus den späten 90ern feiert aktuell ihr großes Comeback: Sandra Bullock und Nicole Kidman kehren auch im Sequel als Hexenschwestern zurück. Ein Film über Hexen, in dem keine einzige Frau mit langer Nase, Warze, Buckel und Besenstiel vorkommt – eine Rarität. “Zauberhafte Schwestern” brachte ein neues Bild der Hexe auf die Leinwand: ein ästhetisches.

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Passend zur Jahreszeit können wir nun wieder in herbstliche Stimmung kommen: Seit Mitte September läuft Teil zwei der Hexenkomödie in den Kinos. Doch nicht nur im Film und im Oktober sind die Hexen wieder da. Sie begegnen uns seit einiger Zeit auf TikTok, in der Mode und auf feministischen Plakaten. “The Witch Is Back” würde Elton John sagen – oder vielmehr singen. Und diese Witch ist moderner und ästhetischer denn je. Aber haben die Hexen von heute überhaupt noch irgendetwas mit den Hexen der frühen Neuzeit zu tun? Und was verändert die Ästhetisierung der Hexenfigur, wenn ebendiese jahrhundertelang vor allem für eines stand: Eine Frau, die nicht ins System passt.

Die Hexe ist ein Gegenbild zum gesellschaftlichen Ideal der “guten” Frau.

Samra Kljajic, Autorin, Geschichtevermittlerin und Content-Creatorin

Die unangepasste Frau

Wer waren Hexen denn eigentlich? Sie sahen jedenfalls nicht so aus wie die Kostüme, die uns jährlich zu Halloween begegnen. Laut Autorin, Geschichtevermittlerin und Content-Creatorin Samra Kljajic konnten Frauen, die viel stritten, fluchten oder selten zum Gottesdienst gingen, ebenso unter Verdacht geraten wie alte, verwitwete oder alleinstehende Frauen mit wenig gesellschaftlichem Rückhalt. Eine unbeliebte Nachbarin konnte zur Hexe gemacht werden, wenn man sie mit Unglück in Verbindung brachte. Auch Männer und Kinder wurden der Hexerei beschuldigt, die Mehrheit der Hexen war und ist aber weiblich. Ist man etwa der Meinung, Frauen seien schlicht und einfach magischer oder steckt ein bestimmtes gesellschaftliches Narrativ hinter der Weiblichkeit der Hexerei? Es ist wohl eher Letzteres.

Denn Frauen werden laut Kljajic im geschichtlichen Kontext meist “als körperlich und moralisch schwächer, emotionaler und dadurch leichter durch den Teufel verführbar” beschrieben. Eine Hexe war oft zuerst eine Außenseiterin, bevor sie zu einer Hexe (gemacht) wurde. “Die Vorstellung von der Hexe ist also auch ein Spiegel davon, welche Verhaltensweisen innerhalb dieser patriarchal geprägten Gesellschaft als unerwünscht oder sogar bedrohlich galten”, so die Expertin.

Hexen als Femme fatale

“Ich bin fragil, weil du bist eine Femme fatale” – der österreichische Sänger Bibiza bringt mit einer Zeile auf den Punkt, was die Femme fatale – aus dem Französischen übersetzt “gefährliche Frau” – seit jeher interessant macht: Sie erzählt nicht nur etwas über die Frau, sondern mindestens genauso viel über den Mann, der ihr gegenübersteht. Die “gefährliche” Frau ist schließlich nur dann gefährlich, wenn ihre Wirkung auf jemanden eine Rolle spielt. Doch was macht sie gefährlich? Sie muss niemanden aktiv bedrohen oder Gewalt ausüben. Ihre vermeintliche Gefahr liegt vielmehr in ihrer Wirkung: Sie ist selbstbewusst, unabhängig und schwer zu kontrollieren. Eigenschaften, die möglicherweise nicht nur etwas über die Frau aussagen, sondern darüber, wie sich die Person an ihrer Seite selbst erlebt.

Muss eine Frau tatsächlich gefährlich sein oder fühlt sich ein Mann nur dann fragil, wenn er auf eine Frau trifft, deren Selbstbewusstsein nicht von seinem abhängt? Das lässt darauf hindeuten, dass Frauen als Projektionsfläche für männliche Unsicherheit gelten. Ihre Stärke erscheint als seine Schwäche, ihre Unabhängigkeit als Kontrollverlust. Die Angst vor weiblicher Macht hat eine lange Geschichte und ist vermutlich noch nicht zu Ende erzählt.

Von der Hexe bis zur Femme fatale: Es finden sich immer wieder neue Bezeichnungen für Frauen, die aus dem patriarchalen Raster fallen und es ins Wanken bringen – und dafür braucht es keine Zaubersprüche. Offenbar macht es keinen Unterschied, ob Frauen auf Besen reiten oder – wie die Hexen des 19. Jahrhunderts – mit dem Fahrrad fahren. Sobald sich Frauen die Freiheiten nahmen, die gesellschaftlich nicht für sie vorgesehen waren, wurden sie abgewertet, erklärt Samra Kljajic. Eine gefährliche Frau ist also eine unabhängige Frau – oder andersherum.

What a Witch

Eine Frau, die Zaubertränke brüht und Magie in ihren Fingerspitzen hat, ist eine Hexe. Steht ein Mann vor einem Kessel, fällt uns wahrscheinlich eher das Wort “Zauberer” ein. Doch ist es Zufall, dass der Begriff der Hexe deutlich negativ behafteter ist als der eines Zauberers? Immerhin werden Männer selten mit dieser Bezeichnung beleidigt, während die ein oder andere Frau bestimmt schon einmal als Hexe beschimpft wurde. “Hexe” war lange eine Zuschreibung von außen, so die Expertin. Doch genau das scheint sich in letzter Zeit zu verändern. Immer häufiger begegnet man in den sozialen Medien oder in feministischen Foren Frauen, die sich selbst als Hexen bezeichnen.

Doch was passiert mit einem Wort, wenn dessen beleidigende Bedeutung zur Selbstbezeichnung wird? Es ist ein Phänomen, das wir derzeit auch bei anderen Begriffen beobachten können. Viele Frauen eignen sich Deklarierungen an, die ursprünglich gegen sie gerichtet waren, und verwandeln sie dadurch in feministische Symbole. Ein nicht nur wörtlich naheliegendes Beispiel dafür ist “Bitch”. Eine Frau, die sich als solche bezeichnet, gibt dem Schimpfwort eine neue Bedeutung. Sie nimmt dem Begriff den beleidigenden Charakter und macht ihn zu einer selbstbewussten Bezeichnung für eine unabhängige Frau. Wie “Bitch” war auch “Witch” lange Zeit in den meisten Fällen eine Zuschreibung von außen – bis die 1960er kamen.

Ein Hexenmotiv auf einem T-Shirt ist noch kein feministischer Widerstand.

Samra Kljajic, auf Instagram bekannt unter “geschichtegram”

Verfluchtes Patriarchat

Die Hexe hat heute oft eher eine politische Botschaft als einen Besen in der Hand. Der Wandel zur Selbstbezeichnung kam nämlich vor allem mit der zweiten Frauenbewegung der 1960er- und 70er-Jahre ins Rollen. Besonders bekannt war in diesem Kontext die US-amerikanische feministische Gruppierung “Women’s International Terrorist Conspiracy from Hell” (W.I.T.C.H.), die sich bei ihren Protestaktionen die Hexenfigur aneignete und beispielsweise die Straßen New Yorks “verhexte”. Die Hexe wurde damit nicht plötzlich zur Feministin. Vielmehr wurde sie von feministischen Bewegungen als Schreckensfigur aufgegriffen und in ein Symbol des Widerstands verwandelt, erklärt Geschichtevermittlerin Samra Kljajic.

Laut der Expertin wird vieles von dem, was früher als gefährlich oder bedrohlich galt – und mit der Hexe in Verbindung gebracht wurde – heute als Zeichen von Stärke und Selbstbestimmung gelesen. Genau diese Attribute leben viele Feministinnen nun betont aus. Dabei handelt es sich laut Kljajic um eine klassische Umkehrung: “Eine Figur, die Frauen jahrhundertelang Angst machen und zeigen sollte, was mit Frauen geschieht, die gesellschaftliche Grenzen überschreiten, wird bewusst angeeignet und positiv besetzt. Aus der gefährlichen Frau wird eine Frau, die proaktiv gegen ein System ankämpft, das sie unterdrückt.” Die bestrafte Außenseiterin wird also zur widerständigen Außenseiterin. Und welche Figur verkörpert Widerstand besser als jene Frauen, die seit Jahrhunderten vor allem eines sind: anders.

Dabei geht es nicht darum, historische Hexenverfolgungen mit heutigen feministischen Protesten gleichzusetzen. “Das wäre historisch falsch und würde die spezifische und systematische Brutalität der damaligen Verfolgungen, der Folter und der Hinrichtungen verharmlosen”, betont die Geschichtevermittlerin. Vielmehr geht es um die Fragen, wer darüber bestimmt, wie sich Frauen zu verhalten haben, wann eine Frau als “zu viel” gilt, welches Wissen legitim ist, wessen Sexualität von wem kontrolliert wird und wem moralische Schuld zugewiesen wird, so Samra Kljajic. Außerdem scheint gerade noch etwas lauter denn je zu sein: die Wut. Auch die gibt es nicht erst seit gestern.

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© Pexels/Alice Shardan

We are the granddaughters …

“Ich bin alle Frauen vor mir, ich bin jede Hexe, die verbrannt wurde, und mit Hexe meine ich Frau, denn ja, vor allem Frauen wurden verbrannt.” Dieser Satz begegnet einem auf einer der ersten Seiten in Tara-Louise Wittwers Buch “Nemesis‘ Töchter” – ein Buch, das die Geschichte weiblicher Wut – auch “Female Rage” genannt – erzählt. Dass das Wort “Hexe” gleich zweimal innerhalb dieser ersten Zeilen vorkommt, ist dabei sicherlich kein Zufall. Laut der Autorin überträgt sich Wut von Generation zu Generation. Die vermeintlich letzte Hexe starb 1776. Das klingt lange her, doch Tara-Louise Wittwer stellt einen spannenden Perspektivenwechsel in den Raum: Zwischen dieser Hexe und heutigen jungen Frauen liegen nur zehn Generationen.

“Sie starb vor zehn Müttern. Natürlich tragen wir Wut in uns”, schreibt die Autorin. Und mit dieser Wut ist sie keineswegs allein. “Wir sind die Enkelinnen der Hexen, die du nicht verbrennen konntest”, steht auf Plakaten von Demonstrationen gegen Abtreibungsverbote, aber auch auf Postern, Aufklebern und T-Shirts. Die historische Hexe wird zur Ahnin einer modernen Bewegung – von der gefürchteten Figur zum Widerstandssymbol.

Doch genau hier beginnt auch die Spannung zwischen Geschichte und Gegenwart: Wird ein Slogan auf einem T-Shirt einer solch vielschichtigen, historischen und politischen Figur der Hexe gerecht? Auf einem Plakat muss die Hexe nicht mehr die konkrete historische Person sein. Ein Slogan kann diese Geschichte nicht vollständig erzählen – und muss es vielleicht auch gar nicht. Die entscheidende Frage ist deshalb vielleicht weniger, ob jede moderne Verwendung der Hexe historisch korrekt ist. Spannender ist, was passiert, wenn eine historische Figur zu einem Symbol wird: Welche Teile ihrer Geschichte bleiben sichtbar und welche verschwinden? Was gewinnt man durch die Vereinfachung und was geht dabei verloren?

#witchy: Hexen als Trendsymbol

Wenn die Blätter beginnen, sich zu verfärben und langsam, aber doch, die Kürbissaison startet, wird der “Hot Girl Summer” vom “Witch Bitch Autumn” abgelöst – zumindest in den sozialen Medien. Dass mit Herbstanfang Halloween-Stimmung aufkommt, ist naheliegend. Doch #witchy ist kein Halloween-Make-up-Trend. Vielmehr geht es um einen Lifestyle, der sich von Mode und Schmuck bis hin zu Tarot-Karten und alltäglichen Ritualen zieht. Von “How To Be A Witch” bis zu “Witchy Outfits” und Guidelines für Rituale – die Hexe scheint fixer Bestandteil des herbstlichen Algorithmus zu sein.

Während man früher zu einer Hexe gemacht wurde, entscheidet man sich heute dafür, eine zu werden. Die TikTok-Hexe ist nicht furchteinflößend, sie ist ästhetisch. Sie ist spirituell, naturverbunden und vielleicht ein bisschen mystisch. Dass die Hexe in Zeiten sozialer Medien ein stark ästhetisches Bild vermittelt, macht laut Samra Kljajic durchaus Sinn: “Alles rund um Hexen und Hexerei lässt sich visuell extrem gut erzählen. Kerzenlicht, Kristalle, dunkle Wälder, moody Filter und Sounds, Goth-Romantic erzeugen sofort eine bestimmte Stimmung und funktionieren besonders gut.” Vielleicht ist genau diese Bildsprache Teil ihres Erfolgs. In einer digitalen Welt, in der innerhalb weniger Sekunden entschieden wird, ob ein Inhalt interessant genug ist, muss eine Ästhetik sofort erkennbar sein. Kerzen, dunkle Farben und Kristalle erzählen eine Geschichte, bevor überhaupt ein Wort gefallen ist.

Die Hexe wird damit nicht nur zu einer Figur, sondern spricht eine starke visuelle Sprache. Und vielleicht ist sie deshalb auch ein attraktives Gegenbild zum schnellen, digitalisierten Alltag. Die moderne Witch steht für Natur, Rituale und Entschleunigung – Dinge, die schwer in den schnellen Takt der sozialen Medien passen. Sie liest lieber in Ruhe teetrinkend bei Kerzenschein ein Buch und genießt Zeit in der Natur. Tee statt To-do-Listen, Kerzenschein statt Bildschirmlicht, Tarotkarten statt Push-Nachrichten. Ob diese Entschleunigung tatsächlich gelebt wird oder nur gut aussieht, ist eine andere Frage. Denn genau hier beginnt die zweite Seite des Trends: die Vermarktung. “Diese etwas mystische, ‚witchy‘ oder “whimsical‘ Ästhetik lässt sich sehr gut vermarkten”, erklärt die Expertin. Kristalle, Schmuck, Kleidung oder Tarotkarten machen aus einer Haltung ein Produkt.

Die moderne Witch ist damit nicht nur eine Widerstandsfigur, sondern kann auch eine Zielgruppe sein. Aber kann ein Symbol noch subversiv sein, wenn man es im Einkaufszentrum kaufen kann? Was passiert mit einem Symbol des Andersseins, wenn Anderssein selbst zum Trend wird? Und verbindet die historische Hexe, die feministische Hexe und die Lifestyle-Hexe letztendlich doch nicht viel mehr als ihre Bezeichnung?

Hex Hex

Wir haben also nicht wieder angefangen, an Hexen zu glauben. Wir haben angefangen, die Hexe anders zu verstehen. Ihre Geschichte erzählt weniger davon, ob man an Magie glaubt, als davon, was eine Gesellschaft mit Frauen macht, die sich nicht an ihre Regeln halten. Die Hexe ist nicht nur eine Fantasiefigur, die wir im Oktober aus dem Kleiderschrank holen; sie ist real, politisch und immer noch aktuell.

Ist die Hexe des 21. Jahrhunderts zwischen TikTok- und Modetrend nun ein Konsumprodukt geworden? Wahrscheinlich. Trotzdem kann sie laut der Expertin gerade dann weiterhin eine feministische Figur sein, “wenn sie für Selbstbestimmung, Widerstand gegen traditionelle Geschlechterrollen oder für die bewusste Aneignung einer ehemals abwertenden Figur steht.” Und genau dafür stehen vielleicht mehr Frauen als nur jene, die sich auch als Hexen bezeichnen. Oder wie es Tante Jet in “Zauberhafte Schwestern” schon formulierte: “In uns allen steckt eine kleine Hexe.”

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