Nahaufnahme einer asiatischen Frau von der Seite, deren Augen nach links in die Ferne schauen.

Vorsätze: Weniger ist oft mehr

Wir fassen sie jedes Jahr neu – und verlieren sie oft schon im Februar. Warum Vorsätze trotzdem Sinn machen und was es braucht, damit sie erfolgreich sind, erklärt Jolana Wagner-Skacel, Universitätsprofessorin für Medizinische Psychologie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Med Uni Graz.

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© Unsplash/Larm Rmah-D

Der Jahreswechsel ist oftmals ein Versprechen an uns selbst. Ein Moment der Neuverhandlung: Wer war ich – und wer will ich sein? Vorsätze gelten oft als naiv oder zum Scheitern verurteilt. Doch aus psychologischer Sicht sind sie mehr als ein guter Vorsatz auf Zeit. Sie sind Ausdruck unserer Selbstidentität, eingebettet in den Alltag, Werte und biologische Rhythmen.

In Graz arbeitet Professorin Jolana Wagner-Skacel an der Schnittstelle von Psyche und Körper. Ihr Zugang ist ganzheitlich, ihr Blick klar: Vorsätze scheitern nicht an mangelnder Disziplin, sondern an falscher Konstruktion. Ein Gespräch über Routinen, Brainfood, das Recht auf Scheitern – und warum Veränderung klein beginnen muss.

Jolana Wagner-Skacel, Universitätsprofessorin für Medizinische Psychologie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Med Uni Graz
Jolana Wagner-Skacel, Universitätsprofessorin für Medizinische Psychologie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Med Uni Graz. © Thomas Luef

Frau Professorin Wagner-Skacel, womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Arbeit?
Jolana Wagner-Skacel: An unserer Abteilung werden Patientinnen und Patienten im gesamten Universitätsklinikum – von der Kardiologie über die Onkologie bis zur Intensivmedizin – betreut. Unser Ansatz ist biopsychosozial: Körper und Psyche beeinflussen einander permanent. Genau deshalb arbeiten wir Tür an Tür mit somatischen Fächern.

Kommen wir zu den Vorsätzen. Sind sie aus psychologischer Sicht sinnvoll?
Absolut. Wir Menschen denken in Zeitlinien. Unsere Identität speist sich aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Vorsätze helfen, uns in der Zukunft zu verorten. Außerdem lieben wir Routinen – täglich, aber auch im Jahreskreis. Sie geben Sicherheit.

Und trotzdem scheitern viele Vorsätze. Warum?
Weil sie zu unkonkret sind. „Ich will gesünder leben“ ist kein Vorsatz, sondern ein Wunsch. Ein funktionierender Vorsatz könnte lauten: Ich esse werktags um 16 Uhr eine Handvoll Nüsse gegen die Müdigkeit. Er ist konkret, eingebettet in den Tagesrhythmus und realistisch. Ziele müssen erreichbar erscheinen – sonst untergraben sie Motivation und Selbstwert.

Welche Rolle spielen Werte dabei?
Eine zentrale. Vorsätze dürfen nicht fremdgesteuert sein. Wenn ich etwas tue, weil es andere gut finden, nicht aber ich selbst, wird es nicht halten. Nachhaltige Veränderung ist immer identitätsnah.

Sie beschäftigen sich intensiv mit Ernährung und Psyche. Warum?
Weil Ernährung massiv auf unsere Neurotransmitter wirkt. Serotonin, Noradrenalin, Melatonin – all das hängt von Mikronährstoffen ab. Ein Beispiel: Eine Banane allein reicht nicht. Erst mit Zink, Vitamin B6 und anderen Co-Enzymen kann der Körper die nötigen Prozesse vollziehen. Ernährung ist ein stiller, aber mächtiger Hebel für psychische Gesundheit.

Mir ist das „Füreinander“ wichtiger als das bloße „Miteinander“.

Stichwort Brainfood: Wo findet man seriöse Beratung?
Wir haben eine Spezialambulanz mit meiner Kollegin Sabrina Leal Garzia für Nutritional Psychiatry aufgebaut. Dort analysieren wir Mikronährstoffe sehr genau. Die Nachfrage ist enorm. Das Thema gewinnt international stark an Bedeutung – auch, weil man psychische Erkrankungen zunehmend als inflammatorisch-metabolische Prozesse versteht.

Reflektieren Sie selbst zum Jahreswechsel?
Ja. Nicht im Sinne von Selbstoptimierung, sondern um mein Handeln zu reflektieren. Wie lebe ich? Was tue ich für andere? Mir ist das „Füreinander“ wichtiger als das bloße „Miteinander“. Das gibt Halt – und Wert.

Wenn Sie drei kurze Tipps für gelingende Vorsätze geben müssten?
Erstens: konkret und realistisch formulieren. Zweitens: sozial einbetten – gemeinsam geht es leichter. Drittens: Scheitern einplanen und reflektieren, statt sich dafür abzuwerten. Veränderung ist ein Prozess, kein Performance-Test.

Med Uni Graz

Die Med Uni Graz bildet ein Zen­trum der innovativen Spitzenmedizin im Süden Österreichs und ist gleichzeitig attraktiver Lebensraum bzw. Arbeitsplatz für Mitarbeiter:innen sowie Studierende und wesentlicher Teil der Betreuung von Patient:innen am Standort.

Es forschen, lehren und lernen über 2.500 Mitarbeiter:innen im wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Bereich sowie rund 5.800 Studierende gemeinsam mit Innovationsgeist für Gesundheit und Wohlbefinden der Patient:innen.

www.medunigraz.at

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