Frauen & sensible Männer – Noga Erez und Ori Rousso über den Film “Noga”
Mehr als eine Stardoku
© Babka Film
Manchmal hatte sie spektakuläre Nägel. Lange, spitze, schwarze oder weiße, auch mal mit Perlen darauf. Diesmal nicht. Diesmal nichts. Die Plastikwasserflasche klackt, während sie sie beim Trinken zusammendrückt. Keine Musik diesmal. Auf dem Tisch liegt eine Waffe. Sechs Patronen passen hinein. Das ist kein Musikvideodreh.
Noga Erez und Ori Rousso, ein herausragendes Musiker:innenpaar aus Israel, sind gerade dabei, die Bühnen der Welt zu erobern. Billie Eilish gehört zu ihren Fans, sie werden im New Yorker Madison Square Garden bejubelt, sie treten mit Robbie Williams auf.
Der 7. Oktober 2023 verändert alles. Die Hamas greift Israel mit Raketen an, Terroristen ermorden mindestens 1.200 Menschen. Die israelische Regierung antwortet mit Waffengewalt. Seither herrscht Krieg; im Gazastreifen wird die Zahl der Todesopfer auf mehr als 70.000 geschätzt.
Noga Erez nimmt die Waffe vom Tisch. Eine Stimme am Handy sagt, welche Nummer sie sich für den Notfall notieren soll. Sie streckt die Arme aus, sie zielt. Probeweise. Aber es ist trotzdem real. Die Waffe dient zur Selbstverteidigung.

Das ist eine von 96 bewegenden und fesselnden Filmminuten von Jono und Benji Bergmann. Das Brüderpaar, das zuletzt mit seiner investigativen Dokumentation zum Wirecard-Skandal große Aufmerksamkeit auf sich zog, begleitete die Musikerin und ihren Partner fünf Jahre lang mit der Kamera. Das Duo hatte einer Zusammenarbeit, bei der die Regie klar beim Brüderpaar lag, zugestimmt. Das war noch vor dem 7. Oktober 2023.
Die Dokumentation, die ohne Skript und Anweisungen, Noga Erez und Ori Rousso möglichst authentisch porträtieren sollte, wurde zu einem noch wichtigeren Zeitdokument.
Plötzlich ist es nicht mehr das Grübeln einer aufstrebenden Musikerin über eine mögliche Zukunft als Mutter. Es ist das Grübeln über ein mögliches Mutterwerden im Krieg.
Die Schar von internationalen Fans wächst weiter. Ihr Schrei nach Frieden wird aber auch politisiert. Mal sei sie eine „Schande für Israel“, mal wirft man ihr vor, sich zu wenig von Israels Kriegspolitik zu distanzieren.
Dennoch ist der Film „Noga“ getragen von ihrer genialen Musik, von fantastischen Aufnahmen auf und hinter der Bühne, von Einblicken in den Entstehungsprozess ihrer Songs – und der Liebe zweier Menschen, die ihre Beziehung zwischen Licht und Schatten des Starseins und mitten im Krieg zu navigieren haben.

Die Bergmann-Brüder
Wir spulen Jahre zurück. Jono Bergmann stößt zufällig auf Noga Erez’ Musik – und ist gefesselt. „Die Wucht, die sie mitbringt, ihre visuelle Welt, die thematischen Widersprüche in ihren Songs, all das hat mich interessiert“, erzählt er. Er steckt seinen Bruder Benji an, vieles an Noga liege im Verborgenen. „Ein Starting Point für uns war ihre Beziehung, wie Noga und Ori zusammenarbeiten, aber auch ganz allgemein die Frage, wie sie als Künstlerin auf ihr politisches Umfeld reagiert“, ergänzt Benji. Nachsatz: „Natürlich konnte niemand wissen, dass die Situation dermaßen eskaliert.“
Was passiert, wenn Noga von der Bühne geht? Das war die Frage, die die Brüder anfangs umtrieb. „Wir haben früh gespürt, dass die beiden durch die Musik über ihre Beziehung und über die Lage in Israel sprechen“, beschreibt Jono Bergmann. „Wichtig war für uns, dass wir es entweder ganz oder gar nicht machen; es sollte ein intimes Porträt werden. Wir haben viele Gespräche geführt, ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Gleichzeitig braucht es für eine gewisse Objektivität immer eine Distanz zwischen dem Filmteam und den Protagonist:innen“, sagt Benji Bergmann. Das bedeutet ein ständiges, konsequentes Abwägen, „in jeder Phase und in jeder Szene. Wie nahe ist man dran, wo kann man sich ein Stück weit distanzieren?“
Wir haben mit der Musik einen Ort, wo wir aus der Scheiße Neues modellieren können.
Noga Erez
Rund 700 Stunden Material hatten die Bergmanns zum Schluss; Noga und Ori durften erst den fertigen Film sehen. Sie sollten bewusst gar nicht in Versuchung kommen, irgendetwas an ihrem Verhalten adaptieren zu wollen. Der 7. Oktober 2023 veränderte sehr viel, aber nicht den Zugang der Brüder zu ihrer Arbeit: „Der Instinkt, auch danach weiter hinzusehen und hinzufahren, ist kein natürlicher. Aber bei einem Dokumentarfilm gehört es dazu, sich in schwierige und unangenehme Situationen zu bringen“, sagt Benji Bergmann.
„Das ist unsere Verantwortung dem Film und den Protagonist:innen gegenüber“, fügt Jono hinzu. Umgekehrt müsse die Kamera in gewissen Momenten auch mal respektvoll abgedreht werden, „wenn du umgeben bist von Menschen, deren Leben von Todesfällen in ihren Familien und Traumata geprägt sind“.

Die Begegnung mit Noga und Ori
„Keine politischen Fragen“ – das war die Bitte, oder vielmehr die Bedingung des Managements vor dem Interview mit Noga Erez und Ori Rousso. Lange war gar nicht sicher, ob ein persönliches Gespräch möglich sein würde. Die beiden waren Ende August zur Wien-Premiere des Dokumentarfilms „Noga“ und für ihren Auftritt beim Frequency Festival in St. Pölten gereist. Ich warte also mit Herzklopfen in der Lobby des Max Brown Hotels, da geht der Lift auf – und die beiden schenken uns ein offenes, herzliches Gespräch.
Eure Musik ist stark, eure Songs sind voller tiefgründiger Texte. Wie habt ihr die Musik als Ausdrucksform für euch gefunden?
Noga Erez: Ich habe alle Arten von darstellender Kunst gemacht. Es war eher ein Ausschlussverfahren. Ich habe das Theater und das Tanzen hinter mir gelassen – die Musik blieb an mir haften.
Ori Rousso: Ich habe in der achten Klasse begonnen, Gitarre zu spielen und anfangs mein Zimmer für ein paar Jahre kaum verlassen (lacht).
Also kein Leben ohne Musik?
Noga: Ich hab’s nie probiert.
Ori: Mein Vater hat versucht, mich zu überreden, ich solle doch etwas Vernünftiges studieren, aber ich war mir sicher in dem, was ich tue.
Noga: Es gibt ein Leben ohne Musik. Wir haben eine Tochter (einundeinhalb Jahre alt, Anm.), sie ist mein Leben. Wir haben einander (sie blickt zu Ori), Liebe ist Leben. Aber Musik legt eine Schicht darauf, sie macht es lebenswerter.
Was denkt ihr, welche Bedeutung hat es heute, eine Frau zu sein?
Noga: Ich freue mich, wenn ich andere Frauen inspirieren kann. Ich fühle mich heute erfahrener, bin jetzt eine Mutter – heute können mehr Frauen an meine Lebensgeschichte andocken. Ich glaube, dass es wichtig ist, Menschen zu haben, bei denen man sich denkt: Sie bricht Grenzen, dann kann ich das auch. Frausein bedeutet für mich persönlich, sehr ich zu sein, stolz, glücklich – mit all meinen unterschiedlichen Seiten, meinen Verwundbarkeiten, mit meinen Erfolgen und Fuck-ups. Vollständig bin ich nur mit all dem. – Was meinst du, Ori?
Ori: Du hast alles gesagt. Es geht um Frauen und sensible Männer, oder?
Noga: Ja, Frauen und sensible Männer – das sollte die Headline werden.
Was ist euch wichtig, wenn ihr an neuen Songs arbeitet?
Ori: Wir versuchen immer, über etwas Neues zu schreiben. Wenn ich etwas schreibe, das sich nur annähernd so anhört wie etwas davor, wird Noga schnell grantig (lacht).
Noga: Wir haben das dritte Album (Vandalist, Anm.) veröffentlicht, arbeiten am vierten und haben somit schon sehr viel zum Vergleichen. Es geht immer darum, etwas zu machen, das besser ist als das, was wir davor gemacht haben. Sich in die richtige Stimmung zu bringen, wird immer mehr zur Herausforderung. Aber es gelingt uns glücklicherweise weiterhin, aus dem Studio zu kommen und die Aufregung zu spüren, die wir von Anfang an gespürt haben, als wir begannen, Songs zu schreiben.

Wie hat es sich für euch angefühlt, abseits der Bühne gefilmt zu werden?
Noga: Das war eine sehr komplexe Erfahrung. An manchen Tagen konnte ich keine Antwort darauf finden, warum ich das tue. Warum ich Tausende Menschen in mein Leben lasse. Aber Jono und Benji fühlten das immer und waren sensibel genug, mir immer und immer wieder zu erklären, warum wir das tun. Ich habe mich in diesen fünf Filmjahren auch viel verändert, es war ein langer Prozess. Erst gestern dachte ich mir wieder nach einem Screening: Da sitzen jetzt 500 Menschen vor mir, die jetzt so viel über uns wissen. Aber ich glaube schon, dass ich an meinem Todesbett glücklich darauf blicken werde, dass ich neben meiner Musik diesen Film habe. Eine Dokumentation ist eine wichtige Form von Kunst, die viele Aspekte zeigt, die Musik nicht vermitteln kann.
Ori: Ich war überrascht, wie schnell ich die Kameras vergessen konnte. Ich erinnere mich an die Szene, als wir auf der Wiese saßen und über unsere Beziehung sprachen. In einem Moment dachte ich mir noch, das wird jetzt mit der Kamera seltsam, im nächsten Moment gar nicht mehr, weil ich gerade wütend und komplett in der Konversation war. Mich fragen immer wieder Leute, ob die eine oder andere Szene inszeniert wurde. Aber es ist die Wahrheit: Da war nichts geschrieben, es gab keine Regieanweisungen, worüber wir reden sollten.
Ihr habt auch Shitstorm und Hass via Social Media erlebt. Wie geht ihr damit um?
Noga: Die kurze Antwort ist: Ich bin nicht auf Social Media. Irgendwann habe ich festgestellt, dass das ein Ort ist, wo es viel Hass gibt, in dessen Nähe ich nicht sein will. Ich dachte lange, wenn du die Augen und Ohren vor Dingen verschließt, die auf der Welt passieren, dann ist das Eskapismus, ein Davonlaufen vor der Realität. Heute glaube ich, dass es essenziell ist, vor Realitäten davonzulaufen. Das ist meine Bewältigungsstrategie. Und dieser Typ hier liest die Publikumsreaktionen und Kommentare …
Ori: Aktuell auch nicht mehr so viel. Den ersten Shitstorm haben wir vor rund fünf Jahren in unserem Heimatland erlebt. Heute sind wir stärker, erfahrener und wissen, wie viel wir darauf schauen sollten und wie viel nicht.
Noga: Wir schreiben Musik darüber. Viele Songs auf „Vandalist“ sind von den Erfahrungen inspiriert, in der Öffentlichkeit zu stehen und zu erleben, wie die eigene Person als Instrument genützt wird, um Kontroversen zu schüren. Wir haben mit unserer Musik einen Ort, wo wir aus der Scheiße etwas Neues modellieren können.
Ist Musik euer Safe Place?
Ori: Zwei sehr unterschiedliche Antworten: Meiner ist tatsächlich das Arbeiten an der Musik.
Noga: Mein Safe Place ist dieser Typ, solange wir nicht an der Musik arbeiten – wenn wir sagen: Stopp, jetzt sind wir nur zusammen.
Wie fühlt es sich für euch an, Eltern zu sein?
Ori: Es hat harte, aber auch viele wundervolle Momente. Die Tatsache, dass es einen ganz neuen Menschen in deinem Leben gibt, den du so sehr liebst, ist verrückt! Dass wir sie jetzt großziehen, parallel weitermachen und Neues kreieren, sind fantastische Dinge.
Noga: Elternsein erweitert das Herz, den Geist und die Seele. Manchmal habe ich das Gefühl, ich wäre Superwoman, manchmal bin ich so müde und erschlagen und würde am liebsten nur noch schlafen wollen. Wir haben unsere ganz eigene Vorstellung vom Elternsein. Sie ist mit uns überall auf der ganzen Welt unterwegs, seit sie vier Monate alt ist, so können wir jeden Tag viele Stunden mit ihr verbringen. Ich hoffe, wir machen unsere Sache gut, indem wir ihr die Welt zeigen, die wunderschöne, aber auch schwierige Seiten haben kann.
Wenn du mehr Einfluss hast und das liest, tu mehr. Money will bring peace.
Noga Erez & Ori Rousso
Frieden spielt eine sehr wichtige Rolle in eurer Musik und euren Auftritten. Leider leben wir in einer Zeit voller Konflikte und Kriege. Was glaubt ihr, können wir alle tun, um die Welt besser zu machen?
Noga: Wir können in unserem Umfeld darauf achten, bessere Menschen zu sein, hilfreich und nett. Wir haben die Kontrolle über unsere unmittelbare soziale Umgebung. Du kannst die Welt besser machen, indem du die Menschen um dich herum gut behandelst. Das ist eine nette Message, aber auch traurig, weil ich lange dachte, dass die Menschen mehr Einfluss auf das große Ganze haben. Wir kommen von einem sehr konfliktreichen Ort und ich habe protestiert, bis meine Füße schmerzten. Ich kämpfe gerade mit all dem, aber trotzdem: Geht wählen, wenn ihr wählen könnt, geht protestieren, aber seid vor allem sehr nett zueinander.
Ori: Wir sind vor ein paar Tagen mit unserer Tochter unterwegs gewesen und sie hat fürchterlich geweint. Ich wollte einfach nur aufstehen und gehen. Unser Tisch war voll und schmutzig, und ich dachte mir: Fuck, ich hab ein Baby, ich räume da jetzt nicht auf. Noga, da hast du etwas Wichtiges gesagt, weißt du noch?
Noga: Ja. Verlier nicht deine Menschlichkeit, nur weil du eine harte Zeit hast.
Ori: Genau. Selbst wenn dein Baby schreit, erinnere dich daran, dass wir alle ein bisschen was beitragen können.
Noga: Und wenn du mehr Einfluss hast und du das hier liest, dann tu mehr.
Ori: Wenn du viel Geld hast, tu mehr.
Noga: Money will bring peace.
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