Selbstständigkeit so klappt's

Make it Work: Der Schritt in die Selbstständigkeit

Was es wirklich braucht, um den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

8 Min.

© Pexels/Karola G.

Der Traum von der Selbstständigkeit ist verlockend: selbst entscheiden, eigene Ideen verwirklichen und unabhängig arbeiten. Ob kreatives Studio, kleines Café oder digitale Dienstleistung – die Vorstellung, sich selbstständig zu machen, zieht viele an. Gleichzeitig schrecken Unsicherheit, finanzielle Risiken und die Verantwortung ab. Wir haben mit Unternehmer:innen gesprochen, die den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben, und gefragt: Was braucht es wirklich, um den eigenen Weg zu gehen? Und woran merkt man, ob dieses Arbeitsmodell überhaupt zu einem passt?

Warum eigentlich nicht?

Der Weg in die Selbstständigkeit ist vielfältiger als man denkt. Neugründung, Betriebsübernahme oder Franchise-Einstieg: Die Möglichkeiten sind groß. 3.285 neue Unternehmensgründungen in Tirol, allein im Jahr 2025 – ein neuer Rekordwert. Mehr als 70 Prozent der Gründer:innen nennen als Hauptmotiv mehr Freiheit und die Möglichkeit, Ideen als eigene:r Chef:in umzusetzen. Tirols Gründer:innen werden dabei immer jünger – das Durchschnittsalter liegt mittlerweile bei 36,5 Jahren – und weiblicher: Die Hälfte aller Einzelunternehmen wurde zuletzt von Frauen gegründet. Was all diese Menschen antreibt, ist so verschieden wie ihre Ideen. Was sie verbindet: der Mut, loszulegen – ohne genau zu wissen, was auf sie zukommt.

Selbstbestimmt arbeiten

Für die Videografin Isabel Rambowsky war der Schritt in die Selbstständigkeit weniger ein lange ausgearbeiteter Karriereplan als eine Entwicklung, die sich aus ihrer Arbeit ergeben hat. Schon in Schule, Vereinen und späteren Jobs habe sie gerne Verantwortung übernommen – ihr war wichtiger, Dinge mitzugestalten, als die Sicherheit eines klassischen Angestelltenverhältnisses: „Lieber arbeite ich mehr Stunden, als jeden Tag dasselbe zu tun – oder es so zu tun, wie jemand anderes es vorgibt.“ Der konkrete Anstoß kam dann eher zufällig: Während ihrer Arbeit für das Innsbrucker ALLES GUTE Festival wurde sie immer öfter gefragt, ob sie auch für andere Projekte Videos produzieren könne. Ihre Antwort lautete zunächst: gerne, aber sie könne keine Rechnungen stellen, weil sie nicht selbstständig sei. Die Gegenfrage eines Bekannten – „Warum eigentlich nicht?“ – brachte sie ins Nachdenken. Heute arbeitet sie erfolgreich als Videografin und Content Creatorin unter dem Label BASSLINE CREATIONS.

„Hineingeschüttet“ statt geplant

Ähnlich pragmatisch, nur aus einem anderen Grund, war der Weg der Fotografin Birgit Pichler: Als junge Mutter zweier Kinder suchte sie eine Arbeitsform mit mehr zeitlicher Flexibilität, zog von Kitzbühel nach Innsbruck und eröffnete dort ihr erstes Studio. „Ich bin eigentlich in die Selbstständigkeit hineingeschüttet worden“, sagt sie rückblickend. Mittlerweile ist sie seit 23 Jahren erfolgreich als Fotografin selbstständig.

Vom Scheitern lernen

Christian Graser, Mitgründer des Recruiting-Unternehmens ANGEHEUERT, ist bereits seit seinem 18. Lebensjahr selbstständig. Auch bei ihm war es kein großer Plan – das Leben schubste ihn in eine andere Richtung als geplant. Der Medizinstudienplatz blieb aus, also rutschte er in die Finanzberatung – und damit direkt in die Selbstständigkeit. Das Vorbild dafür kannte er bereits von zuhause: Sein Vater war ebenfalls Unternehmer, hatte selbst ein ambitioniertes Projekt vorangetrieben – „was man heute als Start-up zählen würde“, so Christian –, war damit gescheitert und stand am Ende mit Schulden da. Kein Vorbild im klassischen Sinne also, aber für ihn eine wichtige Lektion: „So habe ich gelernt, wie man es nicht macht. Und ich habe gesehen, dass es auch anders geht.“

Selbstständigkeit so klappt's
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Zweifel aus dem Weg räumen

Isabel beschäftigte in den ersten Monaten vor allem die finanzielle Unsicherheit: Statt eines regelmäßigen Gehalts kommt das Einkommen unvorhersehbar, mal mehr, mal weniger. Zweifel, ob sie für diesen Weg gemacht sei, habe sie deshalb immer wieder gehabt – „die habe ich auch heute noch“, berichtet sie ehrlich. Gleichzeitig habe sie gelernt, dass viele Sorgen mit der Zeit kleiner werden: „Es hat ja bis jetzt immer irgendwie geklappt. Und wenn nicht, geht die Welt auch nicht unter.“ Auch Birgit erinnert sich an die Anfangszeit als Balanceakt zwischen Kindern, Studio und knappen finanziellen Ressourcen. Besonders geholfen habe ihr damals ein Förderprogramm für selbstständige Mütter, in dem sie Unterstützung bei Businessplan, Kalkulation und Versicherungsfragen erhielt.

Der unterschätzte Papierkram

Die größte strukturelle Herausforderung sieht Christian nicht im Geschäft selbst, sondern in der Bürokratie. Steuerfragen, Behördenwege und rechtliche Rahmenbedingungen würden viele Gründer:innen unterschätzen. Gerade zu Beginn sei es deshalb wichtig, sich Unterstützung zu holen – sei es durch Steuerberater:innen, Mentor:innen oder erfahrene Personen aus dem eigenen Umfeld. Auf manche Überraschungen, sagt er, könne man sich ohnehin nicht vorbereiten: Kund:innen, die nicht zahlen, unerwartete Kosten, Nachforderungen vom Finanzamt. „Der Weg entsteht, während man ihn geht.“

Stark im Austausch

Isabel spricht von zahlreichen Personen, die sie von Beginn an „unter ihre Fittiche genommen“ hätten – Menschen, die Wissen teilten, Kontakte vermittelten oder einfach Mut machten. Auch Christian betont dasselbe: Ein starkes Netzwerk sei keine nette Ergänzung, sondern eine Grundvoraussetzung. Birgit sieht darin sogar einen der wichtigsten Erfolgsfaktoren überhaupt: Rückblickend hätte sie schon vor der Gründung noch gezielter Kontakte zu Menschen aufgebaut, die bereits in ihrer Branche tätig waren.

Gleichberechtigt einsteigen

Bei Christian ging dieser Gedanke 2019 noch einen Schritt weiter: Mit ANGEHEUERT entschied er sich bewusst gegen das Modell des Solopreneurs und gründete das Unternehmen zu dritt, gemeinsam mit zwei Co-Foundern. Der Gedanke dahinter war pragmatisch: Wer nicht in allem gleich gut sein kann, sollte sich stattdessen Menschen suchen, die die eigenen Schwächen ausgleichen. Ein erfahrener Unternehmerfreund gab den entscheidenden Rat: gleichberechtigt einsteigen, von Anfang an – um Konflikte zu vermeiden, noch bevor man überhaupt beginnt.

Klein anfangen, klug wachsen

Doch woran merkt man nun, ob Selbstständigkeit wirklich zu einem passt? Für Christian lautet die Antwort: ausprobieren, aber klug. Er empfiehlt, eine Idee zunächst nebenberuflich zu testen, mit Erlaubnis des Arbeitgebers, mit echten Testkund:innen. So bleibe die finanzielle Sicherheit erhalten, während man herausfindet, ob das Angebot tatsächlich funktioniert. Den Hauptjob kündigen? Erst dann, wenn das Nebeneinkommen das bisherige Gehalt zumindest erreicht – oder, für die Vorsichtigeren, wenn der Umsatz mehrere Monate lang das Doppelte davon beträgt. „Man muss nicht bei null anfangen. Man kann aus einer Position der Stärke heraus starten.“

Dem eigenen Bauchgefühl vertrauen

Isabel betrachtet die Frage hingegen stärker aus persönlicher Perspektive. Für sie steht weniger die perfekte Vorbereitung im Mittelpunkt als die eigene Motivation. Niemand kontrolliert mehr die Arbeitszeiten oder gibt vor, wann man morgens aufzustehen hat – diese Verantwortung muss man selbst übernehmen wollen. Ihr Tipp: sich mit möglichst vielen Selbstständigen auf einen Kaffee treffen und offen über Erfahrungen reden. „Das hat mir am meisten geholfen.“ Und dann, ehrlich mit sich selbst, eine schlichte Frage beantworten: Hab ich da wirklich Bock drauf? Birgit ergänzt: Wer sich selbstständig machen möchte, sollte sich auch ehrlich fragen, wie gut man mit Unsicherheit umgehen kann. Selbstdisziplin und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, seien dabei genauso wichtig wie die fachliche Vorbereitung.

Was die Freiheit wirklich bringt

Alle würden den Schritt wieder gehen – aus ähnlichen Gründen. Wer selbstständig ist, bestimmt nicht nur über Arbeitszeiten und -ort, sondern auch darüber, woran man überhaupt arbeitet. Isabel beschreibt genau das als ihren größten Antrieb: eigene Ideen verfolgen, ohne sich nach den Vorgaben anderer richten zu müssen. Auch finanziell kann sich das auszahlen: Wer erfolgreich ist, bestimmt sein Einkommen stärker selbst, als es im Angestelltenverhältnis möglich wäre.

Im Gleichgewicht bleiben

Was in der Euphorie der Gründung oft untergeht: Mit der Selbstständigkeit fallen automatisch auch Absicherungen weg, die im Angestelltenverhältnis selbstverständlich sind. „Wenn man sich entschließt, die Selbstständigkeit aufzugeben, hat man wirklich null Einkommen und keine Arbeitslosenversicherung wie Angestellte“, warnt Birgit. Auch im Krankheitsfall gilt: kein Einkommen, kein Krankenstand. Dazu kommt, was Isabel offen anspricht: Einsamkeit. Ohne Kolleg:innen fehlt oft genau der Austausch, der im Job nebenbei mitlief. Die Drei haben jedoch gelernt, damit umzugehen: Isabel, indem sie sich gezielt für Projekte entscheidet, bei denen die Zusammenarbeit im Vordergrund steht. Christian, indem er sein Netzwerk von Anfang an so aufgebaut hat, dass genau diese Lücken abgefedert werden. Birgits Rat zielt dagegen vor allem auf die finanzielle Seite ab: von Beginn an realistisch zu kalkulieren und finanzielle Reserven für mehrere Monate einzuplanen.

Mit Mut voran

Und selbst wenn sich herausstellt, dass dieser Weg doch nicht der richtige ist? Auch dann sehen alle drei den Versuch nicht als Scheitern. Isabel ist überzeugt: Mut lohne sich immer, unabhängig davon, wohin er führt. Auch Birgit erinnert sich daran, dass ihr viele Menschen von der Selbstständigkeit abgeraten hätten – dennoch würde sie die Entscheidung heute wieder treffen. Christian bringt es mit einem Bild auf den Punkt: „Unternehmertum ist, wie aus dem Flugzeug zu springen und sich erst auf dem Weg nach unten zu überlegen, wie man den Fallschirm bekommt, wie man ihn baut und wie man ihn öffnet.“ Eine Garantie für die Landung gibt es nicht. Aber wer den Sprung wagt, weiß danach zumindest, ob man fliegen kann.

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© Birgit Pichler

Tjara-Marie Boine ist Redakteurin für die Ressorts Business, Leben und Kultur. Ihr Herz schlägt für Katzen, Kaffee und Kuchen. Sie ist ein echter Bücherwurm und die erste Ansprechpartnerin im Team, wenn es um Themen wie Feminismus und Gleichberechtigung geht.

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