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Als Roberta B. beginnt, sich regelmäßig eine Spritze zu setzen, ist das keine spontane Entscheidung, sondern der Punkt, an dem sie merkt, dass sie allein nicht mehr weiterkommt. Der Auslöser ist ein sehr persönlicher: ihr Kinderwunsch. Mehrere Schwangerschaftsversuche bleiben erfolglos, gleichzeitig nimmt ihr Gewicht weiter zu. Irgendwann wird klar, dass beides zusammenhängt. Adipositas kann den Hormonhaushalt beeinflussen, den Zyklus stören und es schwieriger machen, schwanger zu werden. Für die junge Frau wird die Situation zu einer emotionalen Belastung. Damit geht es ihr wie vielen anderen.
Diäten, Programme und Versuche, die oft mit Hoffnung beginnen und mit Frustration enden. Nichts davon funktioniert langfristig. „Ich habe ehrlich gesagt nicht daran geglaubt, dass es diesmal anders sein könnte.“ Und dann passiert etwas, das sie so noch nie erlebt hat. „Zum ersten Mal hatte ich keinen ständigen ‚Food Noise‘ mehr.“ Dieses dauernde Denken ans Essen, das ihren Alltag lange begleitet hat, verschwindet. Kein innerer Druck mehr, keine permanente Planung rund um Mahlzeiten. Stattdessen entsteht etwas, das sie lange nicht gespürt hat: Entlastung. Was sich für Roberta wie ein persönlicher Wendepunkt anfühlt, ist Teil eines medizinischen Trends, der derzeit weltweit Aufmerksamkeit bekommt.
Abnehmen: Vom Social-Media-Trend ins echte Leben
Abnehmspritzen. Ein Begriff, der inzwischen weit über Arztpraxen hinaus bekannt ist. Auf Social Media kursieren Erfahrungsberichte, in Interviews sprechen Prominente offen darüber. Talk-Ikone Oprah Winfrey etwa beschreibt die neuen Medikamente als große Erleichterung im Umgang mit ihrem Gewicht, während Popstar Robbie Williams öffentlich machte, dass er ohne ärztliche Begleitung zu schnell abgenommen habe und gesundheitliche Probleme bekam. In sozialen Netzwerken entstehen dazu auch neue Schlagworte wie „Ozempic Face“, die zeigen, wie stark das Thema zwischen Faszination und Verunsicherung verhandelt wird. Sichtbare Veränderungen, schnelle Ergebnisse und eine neue Offenheit im Umgang mit dem Thema sorgen dafür, dass die Nachfrage steigt. Und damit ist das Thema längst nicht mehr nur ein Phänomen aus den USA oder aus Promi-Kreisen.
Auch in Österreich. „Mittlerweile kommen jede Woche mehrere Patient:innen gezielt wegen dieses Themas zu mir in die Praxis“, sagt der Allgemeinmediziner Dr. Philipp Sabanas. Was früher ein Randthema war, ist heute Teil des Alltags in vielen Ordinationen. Dabei geht es nicht nur um einen Trend, sondern um eine Erkrankung, die lange unterschätzt wurde. Adipositas betrifft weltweit mehr als eine Milliarde Menschen. Trotzdem fehlt oft das Bewusstsein dafür, dass es sich um eine chronische Krankheit handelt. Eine internationale Studie, bei der auch Menschen in Österreich befragt wurden, zeigt, wie groß diese Lücke ist: Nur etwas mehr als die Hälfte der Betroffenen erkennt ihr Übergewicht als medizinisches Problem. Noch weniger suchen aktiv ärztliche Unterstützung. Dabei ist Adipositas ein zentraler Risikofaktor für zahlreiche Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf Erkrankungen oder bestimmte Krebsarten.


Die Realität ist komplex
„Es gibt viele biologische, genetische und psychologische Ursachen für Adipositas“, sagt Dr. Philipp Sabanas. Übergewicht sei kein reines Willensproblem, sondern das Ergebnis eines Zusammenspiels verschiedener Faktoren. Genau hier setzen die neuen Medikamente an. Die bekanntesten Präparate tragen Namen wie Wegovy, Ozempic oder Mounjaro. Hinter ihnen stehen Wirkstoffe wie Semaglutid oder Tirzepatid.
Während Ozempic ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt wurde, ist Wegovy gezielt für die Therapie von Adipositas und Übergewicht zugelassen. Die Wirkstoffe gehören zur Gruppe der sogenannten GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Das bedeutet, dass sie die Wirkung eines körpereigenen Hormons nachahmen. Dieses Hormon wird im Darm gebildet und spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung von Hunger und Sättigung. Es sendet Signale an das Gehirn, die darüber entscheiden, wann wir hungrig sind und wann wir uns satt fühlen. Die Medikamente verstärken genau diese Signale. Das verändert vieles.
„Wenn wir abnehmen, sinkt der Spiegel dieser Hormone, deshalb fühlen wir uns ständig hungrig. Das macht das Diäthalten so schwierig“, erklärt die Internistin und Stoffwechselexpertin Dr. Yvonne Winhofer-Stöckl. Der Körper arbeitet gewissermaßen gegen die Gewichtsreduktion. Die Medikamente setzen genau hier an. Sie verstärken das Sättigungsgefühl, verlangsamen die Magenentleerung und reduzieren den Appetit. Für Roberta B. bedeutet das etwas sehr Konkretes: Zum ersten Mal hat sie das Gefühl, dass ihr Körper mitarbeitet.
Mehr als nur eine Spritze
Was dabei leicht übersehen wird: Die Anwendung wirkt einfach. Die Therapie ist es nicht. Was auf den ersten Blick unkompliziert erscheint, ist in der Praxis Teil einer medizinischen Begleitung, die weit über die Injektion hinausgeht. Die Therapie richtet sich nicht an alle. Sie ist für Menschen mit Adipositas vorgesehen, in der Regel ab einem Body-Mass-Index von über 30. Auch bei einem BMI ab 27 kann sie eingesetzt werden, wenn bereits gesundheitliche Folgen wie Bluthochdruck oder Diabetes bestehen.
Damit ist auch klar: Die Spritze ist kein schneller Ausweg, sondern Teil einer Therapie. „Ich vergleiche das gerne mit Krücken nach einem gebrochenen Bein“, sagt der Allgemeinmediziner Dr. Philipp Sabanas,
der sich seit Jahren mit dem Thema auseinandersetzt. „Krücken helfen beim Gehen, aber sie sind nicht die einzige Therapie. Man braucht auch einen Gips, Physiotherapie und manchmal sogar eine Operation. Genauso ist es beim Abnehmen: Es ist ein Zusammenspiel aus Ernährungsumstellung, Bewegung, psychologischer Unterstützung und Stressmanagement.“
Eine begleitende Ernährungs- und Bewegungstherapie sind essenziell, um ein gesundes Abnehmen zu ermöglichen.
Dr. Yvonne Winhofer-Stöckl, Internistin und Stoffwechselexpertin
Lebensstil bleibt entscheidend
Gerade an diesem Punkt zeigt sich, wo viele Erwartungen und die medizinische Realität auseinandergehen. Die Medikamente wirken auf den Appetit. Eine Lebensstil veränderung ersetzen sie nicht. Im Gegenteil: Gerade weil viele Patient:innen weniger essen, wird es umso wichtiger, was sie essen. Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Eiweiß und regelmäßige Bewegung spielen eine zentrale Rolle. Besonders wichtig ist es, Muskelmasse zu erhalten, da bei einer schnellen Gewichtsabnahme nicht nur Fett, sondern auch Muskulatur verloren gehen kann.
„Nein, das tun sie auf keinen Fall“, sagt Dr. Yvonne Winhofer-Stöckl mit Blick auf die Frage, ob die Medikamente klassische Maßnahmen wie Ernährung und Bewegung ersetzen können. „Sie helfen im Wesentlichen, eine Ernährungs- und Bewegungsumstellung zu realisieren.“ Gerade darin liege ihr eigentlicher Nutzen. Viele Patient:innen würden sich bereits bemühen, sich gesund zu ernähren und regelmäßig zu bewegen, hätten aber dennoch Schwierigkeiten, Gewicht zu verlieren.
„Mit der medikamentösen Unterstützung schafft man es einfach, eine gesunde Lebensweise zu etablieren“, so die Internistin und Stoffwechselexpertin. Besonders gute Erfolge sieht sie bei jenen, die die Therapie konsequent mit Ernährungsumstellung und Bewegung kombinieren. Die Wirkung dieser Therapien geht über die Gewichtsabnahme hinaus. Dieser Aspekt wird in der öffentlichen Diskussion oft zu wenig berücksichtigt. „Wir beobachten eine deutliche Verbesserung vieler chronischer Erkrankungen“, sagt Dr. Yvonne Winhofer-Stöckl. Bluthochdruck kann sich verbessern, auch beim Schlafapnoe-Syndrom zeigt sich häufig eine deutliche Entlastung.
Für einzelne, wie etwa bei Wegovy, liegen zudem Studiendaten vor, die auf eine Verringerung des Risikos für Herzinfarkt und Schlaganfall hinweisen. Darüber hinaus zeigen sich Effekte, die im Alltag unmittelbar spürbar sind. Gelenks- und Rückenschmerzen nehmen ab, in manchen Fällen wird eine Operation sogar überflüssig. „Und neueste Studien zeigen auch einen Rückgang von Krebsformen, die mit dem Übergewicht in Zusammenhang gebracht werden“, so die Internistin und Stoffwechselexpertin. Die Abnehmspritze ist damit nicht nur ein Instrument zur Gewichtsreduktion, sondern Teil einer Therapie, die den gesamten Stoffwechsel beeinflusst.
Realität statt Social Media
Umso wichtiger ist es, die Erwartungen an diese Therapie realistisch einzuordnen. Denn der Eindruck, der in sozialen Me dien entsteht, ist oft ein anderer. Dort wirken Gewichtsverläufe linear, fast mühelos. Vorher-Nachher-Bilder, Erfolgsgeschichten, schnelle Transformationen. Was dabei meist unsichtbar bleibt, ist der Prozess dahinter. In der Praxis zeigt sich ein differenzierteres Bild. Zu Beginn der Behandlung verändert sich bei vielen das Essverhalten. Gleichzeitig treten häufig Nebenwirkungen auf. Vor allem der Magen-Darm-Trakt reagiert. Übelkeit, Völlegefühl oder Verdauungsprobleme sind keine Seltenheit, insbesondere in der Einstellungsphase.
„Diese Nebenwirkungen lassen sich in vielen Fällen gut steuern“, sagt Dr. Winhofer-Stöckl. Eine langsame Dosiserhöhung und eine angepasste Ernährung können dazu beitragen, die Beschwerden zu reduzieren. Damit endet die Diskussion über mögliche Risiken jedoch nicht. Immer wieder werden auch schwerwiegendere Nebenwirkungen thematisiert. Dazu zählen etwa Entzündungen der Bauchspeicheldrüse oder ein potenzieller Zusammenhang mit Sehbeschwerden.
„Wenn man sich die aktuellen Studiendaten ansieht, gibt es hier kein erhöhtes Signal im Vergleich zu Placebo“, sagt die Internistin und Stoffwechselexpertin. Einzelne Berichte müssten immer im Kontext betrachtet werden, da viele Patient:innen bereits Vorerkrankungen mitbringen, die solche Risiken unabhängig von der Therapie erhöhen können. Doch nicht alles, was sich verändert, ist medizinisch messbar. Mit dem Gewichtsverlust verändert sich oft auch, wie andere reagieren. Gewichtsverlust bleibt selten unbeobachtet. Kommentare werden häufiger, Bewertungen direkter. Was als Kompliment gemeint ist, kann dabei eine andere Wirkung entfalten.
„Viele haben gesagt, wie viel schöner ich jetzt bin“, erzählt Roberta B., die sich vor drei Jahren für die Abnehmspritze entschieden hat. „Aber genau das hat mich verletzt. Für mich ist Schönheit aber nicht an eine bestimmte Kleidergröße oder Zahl auf der Waage gebunden.“ Solche Reaktionen zeigen, wie eng gesellschaftliche Vorstellungen von Attraktivität noch immer mit dem Gewicht verknüpft sind. Für Betroffene kann das den Blick auf den eigenen Körper verändern, oft auch rückblickend.
Für Ärzt:innen bleibt der Fokus dennoch ein anderer. Die Medikamente seien für Menschen mit Adipositas und für jene gedacht, bei denen das Gewicht bereits gesundheitliche Risiken mit sich bringt. Für Personen ohne entsprechende Indikation gebe es weder ausreichende Daten noch eine medizinische Empfehlung. Auch internationale Leitlinien unterstreichen diesen Punkt. Wie individuell der Verlauf ist, zeigt sich vor allem im weiteren Verlauf der Therapie.
Viele Patient:innen nehmen in den ersten Monaten deutlich ab, danach kann es zu Phasen kommen, in denen sich das Gewicht stabilisiert. Diese sogenannten Plateauphasen sind kein Zeichen für ein Scheitern der Behandlung, sondern Teil eines längeren Prozesses. Eine entscheidende Frage bleibt. Was passiert, wenn die Therapie beendet wird? Da Adipositas als chronische Erkrankung gilt, kann das Gewicht wieder ansteigen. Roberta B. hat diese Erfahrung selbst gemacht. Als sie die Behandlung unterbricht, bemerkt sie, dass ihr Gewicht langsam wieder zunimmt, obwohl sie weiterhin auf ihre Ernährung achtet und regelmäßig Sport macht. Für sie wird damit deutlich, dass es sich nicht um eine kurzfristige Lösung handelt.
Die Hauptmotivation sollte immer die Gesundheit sein.
Dr. Philipp Sabanas, Allgemeinmediziner
Wer kann es sich leisten?
Neben medizinischen Fragen wird ein anderer Aspekt immer drängender: der Zugang zu diesen Therapien. Die Kosten sind hoch, und nicht alle Patient:innen haben Anspruch auf eine Erstattung. „Ich musste alles selbst bezahlen“, sagt Roberta B. Für viele sei das eine große Hürde. „Es gibt so viele Menschen, die das brauchen würden, es sich aber nicht leisten können.“ Dennoch beginnt sich hier langsam et was zu bewegen.
Im Februar 2026 wurde in Österreich eine Preisanpassung für das Präparat Wegovy bekannt gegeben. Zudem gelten für bestimmte Patient:innen erstmals Sonderregelungen bei der Erstattung. Dazu zählen Jugendliche mit Adipositas sowie Erwachsene, bei denen eine bariatrische Operation medizinisch indiziert ist. Darunter versteht man chirurgische Eingriffe zur Gewichtsreduktion, etwa eine Magenverkleinerung, die vor allem bei schwerer Adipositas zum Einsatz kommen. Für manche Betroffene könnte das den Zugang erleichtern. Eine flächendeckende Lösung ist es jedoch nicht.
Wie sieht die Zukunft der Abnehmspritzen aus?
Die Therapie entwickelt sich zudem nicht nur in ih rer Anwendung, sondern auch in ihrem möglichen Wirkungsspektrum weiter. Neue Dosierungen werden erprobt, weitere Wirkstoffe untersucht. In den USA ist zudem bereits eine Tablettenform von Wegovy zugelassen, die täglich eingenommen wird. Eine Zulassung in der EU wird derzeit geprüft. Für viele könnte das die Anwendung im Alltag vereinfachen. Zunehmend richtet sich der Blick auch auf weitere mögliche Effekte der Medikamente. Da sie in das Belohnungssystem des Gehirns eingreifen, untersuchen Forschende derzeit, ob sie auch das Ver langen nach Alkohol oder Nikotin beeinflussen könnten.
Erste Hinweise deuten darauf hin, dass manche Patient:innen tatsächlich weniger Lust auf solche Substanzen verspüren. „Das ist ein Bereich, der aktuell intensiv erforscht wird“, sagt Dr. Winhofer-Stöckl. Ob sich daraus neue Anwendungsfelder ergeben, bleibt jedoch noch offen. Für Roberta B. ist die Antwort klar. „Ich würde mich wieder dafür entscheiden“, sagt sie. Nicht, weil es der einfachste Weg war, sondern weil es für sie überhaupt erst ein Weg war. Was sie sich heute wünscht, ist eine andere Perspektive auf das Thema insgesamt. Weniger Bewertung, mehr Verständnis. Und vor allem: dass medizinische Möglichkeiten nicht davon abhängen, ob man sie sich leisten kann.
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