Schwanger: Eine schwangere Frau sitzt auf einem Sofa und legt die Hände auf ihren Bauch.

Wie ein Kind alles verändert

Schwanger sein fühlt sich oft nach Vorfreude an. Doch gleichzeitig schleichen sich Unsicherheit, Druck und leise Ängste ein. Carina und David erzählen, wie sie sich auf ein Leben vorbereitet haben, das sich nicht planen lässt – und wie sie sich nach der Geburt fühlen.

8 Min.

© Philipp Blickfang Photography

Ein Kind war für Carina und David lange kein Thema, das sich in den Vordergrund gedrängt hätte. Viel präsenter war die Frage von außen, wann denn endlich geheiratet werde. Dieser klassische Ablauf, der oft ganz selbstverständlich vorausgesetzt wird. „Für uns war es eine bewusste Entscheidung, dass wir nicht zuerst heiraten und dann ein Kind bekommen“, sagt Carina im Gespräch mit mir. Ich habe das Paar kurz vor und kurz nach der Geburt getroffen, um so nahe wie möglich aufzuzeigen, welche Gefühle sich vor und nach der Geburt des ersten Kindes einstellen.

Carinas Schwangerschaft verläuft ruhig, ohne große Komplikationen. Die 35-Jährige beschreibt es so: „Ich habe mein Leben eigentlich ganz normal weitergelebt und war halt schwanger.“ Und trotzdem ist da dieses permanente Mitdenken, dieses langsame Hineinwachsen in etwas, das sich nicht wirklich greifen lässt.

Die vielen Stimmen von außen

Mit dem Moment, in dem die Nachricht ausgesprochen wird, verändert sich die Dynamik. Plötzlich ist da nicht nur die eigene Entscheidung, sondern ein ganzes Umfeld, das reagiert, kommentiert, einordnet. Kaum ist die Schwangerschaft bekannt, taucht erneut die Frage nach der Hochzeit auf. Als würde das eine automatisch das andere nach sich ziehen. Carina nimmt das wahr, lässt sich davon aber nicht treiben. „Heiraten kann man irgendwann, aber ein Kind ist nicht ewig möglich“, sagt sie – und in diesem Satz liegt eine ruhige Selbstverständlichkeit.

Was viel stärker wirkt als diese klassischen Erwartungen, sind die Erzählungen darüber, wie es danach sein wird. Kaum jemand spricht von Leichtigkeit, von schönen Momenten, von Liebe und Erfüllung. Stattdessen dominieren Sätze wie: „Schlaf jetzt, danach kannst du nicht mehr“ oder „Danach ist euer Leben vorbei“. Irgendwann beginnt man, diese Worte mitzudenken, auch wenn man es eigentlich gar nicht möchte. „Ich habe mich oft geärgert, weil all diese Aussagen und Horrorgeschichten mir die Vorfreude ein bisschen verdorben haben“, sagt sie rückblickend. Dabei lacht sie ein wenig, als würde sie selbst spüren, wie absurd dieser Gedanke eigentlich ist.

Und doch hinterlassen solche Aussagen Spuren. Sie mischen sich in die eigenen Vorstellungen, die ursprünglich ganz anders waren. Bilder von Familienfesten, von Weihnachten, von einem gemeinsamen Alltag, der sich zwar verändert, aber auch bereichert. Diese Bilder bleiben, sie werden nur begleitet von einer leisen Unsicherheit, die sich nicht ganz abschütteln lässt.

Veränderung. Wie sich das Leben verändert, sobald ein Kind in einem heranwächst.

Zwischen Gefühl und Erwartung

Es gibt Themen, über die die Menschen kaum sprechen, obwohl sie viele beschäftigen. Eines davon ist die Frage nach dem Gefühl, das sich einstellen soll. Diese große, sofortige Liebe, von der alle erzählen, als wäre sie selbstverständlich. Carina formuliert es offen: „Ich hatte oft die Angst, dass ich nicht in die klassische Mutterrolle passe, dass ich das Baby sehe und keine Muttergefühle entwickle und nicht sofort diese riesengroße Liebe spüre.

Über diese Angst wird viel zu wenig gesprochen.“ Diese Ehrlichkeit ist selten, weil sie oft keinen Platz in unserer Gesellschaft hat. Es scheint, als das Außen erwartet, dass sich mit einer Schwangerschaft sofort alles verändert, dass Gefühle eindeutig sind und sich klar benennen lassen. Carina erlebt das anders. Sie tastet sich heran, beschäftigt sich mit dem Thema, blendet die Fake-Welt von Insta-Übermamas aus. Sie hört auf Fachleute, trifft ihre Entscheidungen bewusst. Ein Kaffee am Tag bleibt Teil ihres Alltags, ohne dass sie sich dafür rechtfertigt. „Ich höre da lieber auf Expert*innen als auf andere Mütter mit ihren Überzeugungen“, sagt sie, und man spürt, wie wichtig ihr dieser eigene Zugang ist.

Eine Geburt, die anders verläuft

Als sich abzeichnet, dass die Geburt wegen Steißlage per Kaiserschnitt stattfinden soll, verschiebt sich erneut etwas. „Ich hätte schon gerne eine natürliche Geburt erlebt“, sagt Carina und gleichzeitig bleibt sie klar in ihrer Haltung. Sie wusste von Anfang an, dass sie sich auf das einlassen würde, was medizinisch notwendig ist. Als andere beginnen, ihr zu raten, noch weitere Schritte zu gehen, um eine äußere Wendung des Babys zu erreichen, spürt sie, wie sehr sie das verunsichert. „Ich war fertig und habe mich geärgert, dass mich manche verurteilen, ohne die Hintergründe zu kennen“, erzählt sie.

Ich hatte oft Angst, dass ich nicht in die klassische Mutterrolle passe. Carina Pluschkovits

Der Kaiserschnitt selbst wird zu einer intensiven Erfahrung, die sich schwer in Worte fassen lässt. Die Angst vor dem Eingriff, vor dem Kontrollverlust, vor dem Moment, in dem man sich ausliefern muss, ist präsent. „Ich habe davor geweint, ich hatte wahnsinnige Angst“, sagt sie. Auch während der Operation bleibt dieses Gefühl, obwohl sie sich gut betreut fühlt. Ihre Hände werden gehalten, beruhigende Stimmen erklären ihr, was passiert. Dennoch fühlt sich die Situation überwältigend und auch sehr schmerzhaft an.

Und dann ist da dieser eine Augenblick, in dem alles kurz stillzu­stehen scheint. „Als sie mir die Kleine zum Gesicht gehalten haben und sie die Augen so aufgerissen hat, das war faszinierend“, erinnert sich Carina. Ein Moment, der sich einprägt.

Danach beginnt etwas Neues

Die Zeit nach der Geburt bringt eine andere Art von Realität mit sich. Vieles, was vorher nur gedacht wurde, bekommt plötzlich Gewicht. Carina beschreibt ihre Stimmung zwei Wochen nach der Geburt als ruhig und gelassen. Und doch gibt es diese Momente, die sich einschleichen. „Am Abend, wenn es finster wird, überkommt mich manchmal eine Traurigkeit, ich kann gar nicht sagen, woher“, erzählt sie. Ein Gefühl, das sich nicht eindeutig benennen lässt. Gleichzeitig ist da diese permanente Verantwortung, die plötzlich spürbar wird. Rund um die Uhr ist da ein kleines Wesen, das auf einen angewiesen ist, und genau das verändert alles.

Ein Paar steht draußen und betrachtet gemeinsam ihr Neugeborenes, das in eine Decke gewickelt ist.
© Philipp Blickfang Photography

„Es ist komplett anders als vorher, das kann man sich einfach nicht vorstellen.“ Es gibt Abende, an denen sie einfach weint, ohne genau zu wissen, warum. An einem Sonntagabend ca. drei Wochen nach der Geburt kam der erste negative emotionale Höhepunkt: „Es war eine anstrengende Nacht, kein Outfit hat gepasst Iich hab mich einfach nicht wie ich gefühlt und wollte mein altes Ich wieder haben.“ Die Ungeduld und Rastlosigkeit macht Carina ein wenig zu schaffen. „Eigentlich sollte ich schlafen, auf der Couch liegen, die Kleine halten – aber ich mach dann halt was für die Arbeit oder will was unternehmen. was mir grundsätzlich ja auch guttut, aber dann kommt der Einbruch und das Gefühlschaos.

Und einen Tag später ist plötzlich wieder alles in Ordnung. Es ist eine Achterbahnfahrt – und im Hintergrund schwingt immer die Frage mit, ob ich eh genug Liebe empfinde. Und hinzu kommen die Schmerzen in Brust, Bauchwunde und Schulter. Es ist also schon ein Stress.“

Papamonat & Karenz

Auch David erlebt diesen Wandel auf seine Weise. Er spricht davon, wie sehr ihn diese neue Rolle erfüllt. Aber auch, wie viel Freude darin liegt und gleichzeitig auch eine neue Form von Sorge. „Ich habe zum ersten Mal gespürt, was es heißt, für jemanden verantwortlich zu sein. Ich verstehe meine Mama jetzt besser als je zuvor“, schmunzelt der 40-Jährige nachdenklich. Kleine Dinge bekommen plötzlich eine andere Bedeutung, jede Veränderung wird wahrgenommen, jedes Zeichen genau beobachtet.

Und dann gibt es diese Momente, die man vorher nicht erwartet hätte. „Es ist schon witzig, dass ich mich jetzt freue, wenn ich eine stinkende Windel wechseln darf“, sagt David und lacht. Aber auch für ihn ist der Alltag nun ein anderer. In seinem Papamonat ist er bei Carina und der kleinen Hanna daheim, aber wie wird es danach sein? „Natürlich wird das dann noch mal eine Umstellung für uns sein, wenn ich wieder arbeiten gehe. Aber nach der Hälfte der Karenz wechsle ich Carina ab und bleibe daheim bei der Kleinen.“

Schwanger: Ein Neugeborenes liegt auf der Seite und trägt ein helles Kleidungsstück mit einem roten Herzmotiv.
© Philipp Blickfang Photography

Dass er als Jungpapa gleichberechtigter denkt als so manch anderer Mann, ist ihm bewusst – und auch Carina weiß das zu schätzen. „Carina ist selbstständig und hat einen Betrieb zu führen, außerdem möchte ich so viel Zeit wie möglich mit meiner Tochter verbringen, also ist diese Regelung selbstverständlich für mich.“

Was bleibt, ist dieses langsame Hineinwachsen in eine Rolle, die sich nicht von einem Tag auf den anderen definiert. Carina bringt es auf den Punkt: „All die Unsicherheiten und Ängste gehören wohl dazu. Doch im Kern geht es darum: Ich möchte, dass mein Kind sich geborgen und willkommen fühlt.“ Und am Ende möchte sie noch eine kleine Liebeserklärung an David richten: „Ich müsste ihm für alles, was er tut, nicht dankbar sein, weil es ja immerhin auch sein Kind ist. Aber ich bin es. Weil er alles gehalten hat, was er versprochen hat – und dafür liebe ich ihn.“

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