Kopf voraus: Coach Patrick Murnig im Interview
Willenskraft, mentale Stärke und (un)gesunder Ehrgeiz: Was im Wettkampf über Sieg oder Niederlage entscheidet
© Birgit Pichler
Was entscheidet im Wettkampf über Sieg oder Niederlage? Und wie behält man einen klaren Kopf, wenn alles auf dem Spiel steht? Wir haben uns mit Coach Patrick Murnig über Willenskraft, mentale Stärke und (un)gesunden Ehrgeiz unterhalten.
Im Spitzensport sieht man als Zuschauer:in meist nur den Augenblick des Erfolgs: den perfekten Sprung, die Medaille, den Jubel. Was diesen Augen blicken vorausgeht, bekommt allerdings kaum jemand mit – die stundenlangen Trainingseinheiten, die Angst vor dem Scheitern, das mühsame Aufrappeln nach
Rückschlägen. Genau dort, abseits des Rampenlichts, befindet sich der Arbeitsplatz von Patrick Murnig: Seit mehr als 25 Jahren steht er als Coach an der Seite von Top-Athlet:innen wie Stefan Kraft oder Johannes Lamparter und arbeitet mit ihnen an Willenskraft, Resilienz und dem richtigen Mindset im entscheidenden Moment. Wir wollten wissen, wie das geht – und haben nachgefragt.
Was entscheidet im Wettkampf über Sieg oder Niederlage: Körper oder Geist?
Patrick Murnig: Es ist eine Symbiose – und für mich gehört inzwischen auch die Seele dazu. Der Geist ist das, was wir uns anlernen. Die Seele ist das, was uns angeboren ist und durch Sozialisation und Erziehung geprägt wird. Und dann gibt es den Körper – den kann man sich nicht aussuchen, man arbeitet mit dem,
was man eben hat. Im Wettkampf selbst überwiegt mal das eine, mal das andere.
Lassen sich körperliche Grenzen durch mentale Stärke ausgleichen?
Manche körperlichen Grenzen lassen sich nicht verschieben – die Körpergröße zum Beispiel. Aber in puncto Durchhaltevermögen macht der Wille einen enormen Unterschied. Ich habe in denselben Situationen Menschen erlebt, die früher aufgegeben haben – und andere, die allein durch ihren Willen weitergegangen sind. Das gilt im Sport übrigens genauso wie im Leben.
Wie sind Sie eigentlich zum Coaching gekommen?
Wie so oft im Leben war es eine Fügung. Ich habe vor 25 Jahren in Innsbruck Sportwissenschaften und Strategisches Management studiert. Eine Kommilitonin war Snowboarderin und wollte unbedingt zu den Olympischen Spielen. Ich habe zu ihr gesagt: Ok, cool, dann konzentrierst du dich auf den Sport, ich kümmere mich um den Rest. Das war der Anfang meiner Karriere. Der eigentliche Coaching-Schwerpunkt hat sich erst mit der Zeit herauskristallisiert – als gefühlt klar wurde, dass für mich persönlich die Persönlichkeitsentwicklung der entscheidende Faktor für langfristigen Erfolg ist.
Wie gehen Sie ein Coaching an?
Im Grunde ist es Kommunikation in sehr vielen unterschiedlichen Formen: Spaziergänge, kurze Telefonate, lange Gespräche. Als Coach bin ich Wegbegleiter, Impulsgeber und manchmal auch der
jenige, der unangenehme Wahrheiten ausspricht. Ganz gleich, ob ich eine:n Sportler:in oder eine:n Politiker:in vor mir habe – der Rahmen bleibt eigentlich immer derselbe. Das Konzept passe ich natürlich individuell an, je nachdem, mit welchem Menschen ich es zu tun habe und welche Ziele er oder sie erreichen möchte. Das muss übrigens nicht immer Performance sein; es kann genauso gut Gesundheit oder Regeneration sein. Wenn sich herausstellt, dass jemand in einem bestimmten Bereich Unterstützung braucht – sei es etwa im Medientraining oder in der Osteopathie –, dann ziehe ich gezielt Expert:innen hinzu.
Gibt es bestimmte Muster oder mentale Blockaden, denen Sie immer wieder begegnen?
Etwas, das ich über all die Jahre beobachtet habe: Manche Menschen geben sich selbst von Vornherein die Chance, schnell zu lernen und konsequent voranzugehen. Andere wiederum gehen zwei Schritte vor und einen zurück. Und manche machen denselben Fehler zehn Mal – das ist zwar keine Blockade im herkömmlichen Sinn, aber man steht sich selber im Weg.
Jede Sportart hat andere Anforderungen. Wie stark müssen Sie Ihre Coaching-Methoden anpassen?
Ich durfte bereits mit zwölf verschiedenen Sportarten arbeiten und habe irgendwann gemerkt: Das Grundgerüst funktioniert überall. Körperliches Training, Regeneration, mentale Vorbereitung – das sind Bausteine, die in jeder Sportart gelten. Skispringen ist aber sicher die sensibelste Sportart.

Warum Skispringen?
Weil in diese vermeintlich einfache Bewegung unglaublich viele Mechanismen einfließen. Du springst innerhalb von Millisekunden ab, und wenn dir der Kopf plötzlich ein Schnippchen schlägt, hast du den Sprung vergeben. Im Fußball hast du zehn Teamkolleg:innen, die deinen Fehler ausgleichen können,
und 90 Minuten lang Zeit, um ihn wieder gutzumachen. Aber im Skispringen hast du nur diesen einen Moment.
Wie bereitet man jemanden auf einen solchen Moment vor – in dem alles auf dem Spiel steht?
Der Weg ist das Ziel – so banal es klingt, es ist genau das. Die Vorbereitung auf einen großen Wettkampf beginnt nicht erst eine Woche vorher, und auch die Leistung ist das Ergebnis sämtlicher Dinge, die bis zu diesem Zeitpunkt passiert sind. Natürlich gibt es auch ein paar Faktoren, die man nicht beeinflussen
kann: die Performance des Materials zum Beispiel, das Wetter oder die Tagesverfassung. Aber sehr vieles liegt in der eigenen Hand.
Erfolg ist also planbar?
Aus meiner Sicht ist Erfolg definitiv planbar – zumindest kann man alles tun, um ihn in Reichweite zu bringen. Ob er an genau diesem Tag eintritt, ist eine andere Frage. Und Glück gehört natürlich auch dazu – aber man muss auch bereit sein, es zu nutzen, wenn es daherkommt. Manchmal endet ein Wettkampf – aller guten Vorbereitung zum Trotz – in einer Niederlage.
Wie lässt man sich davon nicht entmutigen?
Am wichtigsten ist es, so schnell wie möglich nach vorne zu schauen. Kurz analysieren, was passiert ist, ja – aber dann geht‘s auch schon weiter. Anstatt sich zu ärgern, sollte man sich lieber fragen: Was habe ich daraus gelernt? Und was kann ich beim nächsten Mal vielleicht anders machen? Wie man so schön sagt: hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen. Und vor allem: den Mut nicht verlieren. Aus Mut erwächst nämlich Resilienz – und sie ist das wohl wertvollste, was man aus einer Niederlage mitnehmen kann.
Inwiefern hängen Persönlichkeits entwicklung und sportliche Leistung zusammen?
Persönlichkeitsentwicklung fängt schon früh an, quasi auf dem Spielplatz – wenn Kinder sich bewegen, andere kennenlernen und erste Wettkämpfe erleben. Es gibt praktisch keine:n Spitzensportler:in, der oder die nicht schon früh in Bewegung war. Und wenn wir über Erwachsene sprechen, die wirklich guten – im Sport wie in der Wirtschaft – haben eines gemeinsam: Sie wollen sich immer weiterentwickeln. Zwischen gesundem Ehrgeiz und gefährlicher Selbstüberschätzung kann jedoch ein schmaler Grat liegen, wie der Fall am Großglockner gezeigt hat.
Zu diesem konkreten Fall möchte ich mir kein Urteil erlauben. Grundsätzlich liegt der Grat meiner Meinung nach aber weniger im Ehrgeiz selbst als in der Vorbereitung: Wenn ich weiß, was auf mich zukommt, Risiken realistisch einschätzen kann und erkenne, wann ich Hilfe brauche, bin ich auf der sicheren Seite. Wenn aber jemand zum Beispiel bei Lawinenstufe 4 ins freie Gelände fährt, ist das kein Ehrgeiz, sondern Leichtsinn. Im Herbst findet in Innsbruck das erste „24-Stunden-Laufevent“ statt.
Wie bewerten Sie solche Extrem-Challenges? Oder zugespitzt gefragt: Ist das noch gesund?
Nun ja, ich gehe davon aus, dass Menschen, die so etwas in Angriff nehmen, ihren Körper sehr gut kennen, dass sie wissen, was er zu leisten imstande ist und wie sie sich am besten regenerieren. Was mich eher interessieren würde: Was treibt jemanden an, so etwas zu tun? Die Motivation dahinter ist entscheidend. Ich selbst würde es nicht machen, aber ich finde, jeder darf seine eigenen Grenzen kennen und ziehen.
Was hat Sie der Spitzensport über Menschen gelehrt?
Darüber könnte ich Bücher schreiben! In 25 Jahren – mit Sportler:innen, Eltern, Trainer:innen, Funktionär:innen, Journalist:innen, Politiker:innen und Persönlichkeiten aus der Wirtschaft – ist für mich ein recht klares Muster entstanden: Es geht immer um Werte. Wer seine eigenen Werte kennt und lebt, kann auch an deren helfen, besser durch die Welt zu gehen. Was mich am meisten freut: Wenn jemand wie Stefan Kraft nicht primär nur wegen seiner sportlichen Leistungen, sondern aufgrund seiner Persönlichkeit und seiner Art als Vorbild wahrgenommen wird. Das ist für mich und meine Arbeit das
größte Kompliment.
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Über die Autorin:

Andrea Pfeifer-Lichtfuss ist Chefredakteurin der TIROLERIN und für die Ressorts Beauty und Style zuständig. Sie mag Parfums, Dackel und Fantasyromane. In ihrer Freizeit findet man sie vor der X-Box, beim Pub-Quiz oder im Drogeriemarkt.
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