Nahaufnahme von Frau mit Hut, die aus Cocktailglas trinkt.

Wenn alles zerbricht: Darum geht es im Buch „Malibu Orange“

Die Autorin Ulrike Haidacher im Interview

8 Min.

© Unsplash/Jacalyn Beales

Die Autorin und Kabarettistin Ulrike Haidacher erzählt im Interview mit der STEIRERIN, wie sie in ihrem zweiten Roman eine zerbrechende Freundschaft, toxische Beziehung, eine zerbrechende Existenz und Familie miteinander verbindet.

Ulrike Haidacher wuchs in Graz und Leoben auf, die Handlung von „Malibu Orange“ hat sie in einem „obersteirischen Industrie­kaff“, das der Protagonistin fremd geworden ist, angesiedelt. Die 38-jährige Autorin wurde für ihren zweiten Roman für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert. Von der Handlung werden sich viele angesprochen fühlen: Protagonistin Anja ist Anfang 30, Krankenpflegerin in Wien und hat von ihren Eltern gelernt: Man ist nie zu krank oder zu müde zum Arbeiten und man sagt nicht Nein, sonst hat man versagt. Bis Anja einen Hörsturz erleidet und merkt: Sie kann nicht mehr. Sie zieht zurück zu ihren Eltern in das namenlose Industriekaff, „nur übergangshalber“.

Was sie wirklich braucht, um wieder klarzukommen, ist für sie klar: mit ihrer seit Kindergartentagen besten Freundin Magda im Café Ulli sitzen, Malibu Orange in sich reinschütten und quatschen – wie früher. Nur dass Magdas neuer Freund die Pläne durchkreuzt und diese eine 180-Grad-Veränderung hinlegt. Im weiteren Verlauf des Romans wird die Freundschaft der beiden auf eine harte Probe gestellt und familiäre Pro­ble­me kommen auch dazu. Wir haben die Autorin zur Entstehung des Romans befragt, der einen mit Hochgeschwindigkeit durch die Seiten fliegen lässt.

Malibu Orange Buch
Malibu Orange Buch: Der zweite Roman der Steirerin Ulrike Haidacher erschien 2024 im Leykam Verlag, € 24,50. © Leykam Verlag

Der Titel wirft die Frage auf: Trinken Sie gern Malibu Orange?
Ulrike Haidacher: Ende der 90er-, Anfang der 00er-Jahre war das eines der Getränke, mit dem man beim Fortgehen angefangen hat. Daher ist es auch das Getränk, das die zwei Freundinnen im Buch früher immer getrunken haben. Der Name klingt schon so nach Sonnenaufgang und „irgendetwas Interessantes passiert“. Ich kann mich erinnern an damals, an den Kokosgeruch und das Gefühl von „Jetzt geht das Leben los“. Aber wer das Getränk kennt, weiß: Der Abgrund ist nicht fern, und so ist es auch in meinem Roman.

Wie kam es zur Roman-Idee?
Was mich interessiert hat, war das Zurückkehren ins Elternhaus in einem Alter, wo das eigentlich nicht mehr passt. Ich bin dann sehr schnell auf eine Kleinstadt als Handlungsort gekommen, weil ich selbst in einer aufgewachsen bin. Wenn man von Wien, wo ich jetzt lebe, Richtung Bruck fährt, kommt man im Mürztal an diesen ganzen kleinen Orten vorbei und für mich ist es eine komische Mischung aus einer schönen Landschaft, die gleichzeitig so was Trostloses hat, diese rauchenden Fabriken und diese Shoppingcenter – das hat für mich eine Atmosphäre, die gut in den Roman passt. Man sucht ja immer nach Stimmungen, besonders nach beklemmenden – also ich persönlich zumindest.

Das Szenario, aus dem Heimatort wegzuziehen, der einem dann fremd wird: Kennen Sie das aus eigener Erfahrung?
Was ich kenne, ist, dorthin zurückzukommen, wo man aufgewachsen ist, wo man aber schon längst keinen Bezug mehr dazu hat. Aber dann doch wieder, weil man das ja alles aus der Kindheit kennt. Es hat ja auch eine Faszination, zum Beispiel in die Lokale zu gehen, die es manchmal wirklich immer noch gibt nach (in meinem Fall) 20 Jahren. Gleichzeitig weiß man aber: Das funktioniert nicht auf Dauer. Das Zurückkehren zu etwas, was einmal war, funktioniert nicht.

Die Protagonistinnen sind beide Anfang 30 – wieso haben Sie sich für dieses Alter entschieden?
Ich habe ihnen bewusst dieses Alter gegeben, weil das meiner Erfahrung nach ein fragiles Alter ist. Ich habe das auch öfter gehört von älteren Leuten: „Bis 30 sollte man seine Probleme in den Griff gekriegt haben.“ Ich habe früher auch gedacht, mit 30 bin ich dann erwachsen. Und dann kommt man drauf: Es gelingt nicht allen, mit 30 angekommen und zufrieden und fertig zu sein. Ich habe mich, glaube ich, bis 34 gefragt, wann jetzt das richtige Leben beginnt. Also ich arbeite noch darauf hin.

Im Mittelpunkt des Buches steht vor allem die Freundschaft zwischen Anja und Magda. Ist es mit 30+ schwieriger, alte Freundschaften aufrechtzuerhalten?
Das weiß ich nicht, aber ich glaube, man erkennt im Laufe eines Lebens, dass Freundschaften dynamisch sind, dass sie nicht immer gleich bleiben. Selbst wenn man schon immer befreundet war, kann es passieren, dass Freundschaften auseinanderbrechen, aber vielleicht kann man sie auch wieder kitten. Ich wollte zeigen, dass eine (beste) Freundin zu haben nichts Kindisches ist, sondern etwas sehr Wichtiges. Und dass das Zerbrechen so einer Freundschaft sein kann wie Liebeskummer.

Ulrike Haidacher
Autorin und Kabarettistin Ulrike Haidacher. © Minitta Kandlbauer

Magdas Beziehung kann als toxisch bezeichnet werden. Wann muss man einer Freundin helfen und wann muss man Entscheidungen akzeptieren?
Das ist die Frage, die ich mir in dem Roman gestellt habe. Ich habe ihn auch bewusst so geschrieben, dass er aus Anjas Sicht erzählt wird und dass es keine allwissende Erzählerin gibt. Woher weiß man, was stimmt und was nicht? Das ist eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt hat. Gerade wenn man eine Beziehungsdynamik von außen beobachtet, sind Gewalt-Indizien teilweise total unklar und widersprüchlich. Inwieweit ist man als Freundin dazu da, zu helfen?

Ich habe Magda bewusst nicht als reines Opfer dargestellt, sondern auch durchscheinen lassen, dass sie mitverantwortlich für das Scheitern der Freundschaft zwischen ihr und Anja ist. Und ich habe diese Fragen gestellt, sie aber nicht beantwortet, weil ich das nicht kann. Ich glaube, viel mehr als da zu sein, kann man nicht machen. Irgendwann muss man akzeptieren, dass das ihr Leben ist und dass sie erwachsen ist und ihre eigenen Entscheidungen trifft. Ich finde, das ist eine sehr komplexe Fragestellung, und Volker, Magdas Freund, ist auch eine komplexe Persönlichkeit, so wie auch das Leben kompliziert und komplex ist. Man weiß nicht, was stimmt und was nicht.

Ein anderes Thema ist Arbeit und wie Anjas Eltern dazu stehen. Wollten Sie aufzeigen, wie das teilweise in unserer Leistungsgesellschaft gesehen wird?
Ich wollte eher schildern, was ich für realistisch halte. Es gibt im Buch eine Szene beim Abendessen, in der der Konflikt zwischen Eltern und Anja zum Thema Arbeit explodiert. Ich wollte die Elterngeneration nicht verteufeln und behaupten, dass sie alle komplett unsensibel sind, sondern kann ihre Aussagen auch teilweise nachvollziehen. Gleichzeitig sind die Eltern natürlich sehr ex­trem und es ist ein bisschen exemplarisch dafür, wie dieser sogenannte Generationenkonflikt passiert – und das wollte ich auch humoristisch darstellen.

Das Zurückkehren zu etwas, was einmal war, funktioniert nicht.

Ulrike Haidacher

Im Buch kommt der Satz vor: „Ich check nicht, wie Leben geht“. Ist das ein Satz, der für diese Generation der Anfang Dreißigjährigen stehen kann?
Wahrscheinlich ist es anderen Generationen auch schon so gegangen. Bei meinen Großeltern hatte ich zum Beispiel immer das Gefühl, die haben genau so ein Leben, wie man sich das vorstellt. Bis mein Opa irgendwann meinte: „Ach ja, man hat sich halt so durchgwurschtelt.“ Also ich glaube, das geht jedem so. Ich bewundere Leute sehr, die „Leben“ können. Oder die so wirken, als hätten sie von Anfang an gewusst, wie es geht.

Welche zentrale Botschaft wollten Sie mit dem Buch vermitteln?
Eigentlich schreibe ich Bücher nicht, weil ich etwas vermitteln will, sondern weil ich etwas erzählen will. In dem Fall, dass das Leben kompliziert ist. Mir ist teilweise vorgeworfen worden, dass ich am Ende keine Lösung präsentiere – aber ich habe das ganz bewusst gemacht, denn ich kenne die Lösung auch nicht. Es ist manchmal einfach so, dass es keine Wahrheit gibt, sondern Dinge sehr uneindeutig und widersprüchlich sind. Ich mag es, wenn Bücher nah am Leben sind oder gesellschaftlich relevant sind. Aber mir ist auch der Humor sehr wesentlich und die Sprache soll greifen.

Sie sind auch Kabarettistin. In welche Richtung wird es zukünftig eher gehen?
Aktuell mehr in Richtung Literatur, wir haben unser Duo „Flüsterzweieck“ im Sommer aufgelöst. Ich glaube, das literarische Schreiben liegt mir mehr; was ich aber sehr vermisse, ist das Auf-der-Bühne-Stehen. Ich liebäugele damit, ein Soloprogramm zu machen, jetzt habe ich aber gerade wieder eine Idee für einen Roman. Schauen wir mal.

Das könnte dich auch interessieren:

Mehr über die Autorin dieses Beitrags:

© Marija Kanizaj

Betina Petschauer ist Redakteurin bei der STEIRERIN und hauptsächlich für die Ressorts Genuss, Leben, Freizeit, Menschen und Emotion zuständig. Als Foodie zieht sich die Leidenschaft für Essen und Trinken durch alle Bereiche ihres Lebens. Daneben schlägt ihr Herz für Serien, Filme und Bücher, die sie in der Rubrik „Alltagspause“ auch regelmäßig rezensiert.

Abo

Immer TOP informiert: Mit dem Print-Abo der STEIRERIN – ob als Geschenk, oder für dich selbst!

×