Hidden Story am Hidden Peak
4. August 1975: Zweieinhalb Jahre Vorbereitungszeit, ein Monat Reisezeit, 7.250 Meter Höhe. Im Rahmen der steirischen Hidden-Peak-Expedition wurde auch der Siebentausender Urdok I erstbestiegen. Von vier Männern. Und einer Frau.
Lilo Schell bei schwieriger Passage über einen Abgrund © Archiv Schell
Die Wahlsteirerin Liselotte “Lilo” Schell, heute 87 Jahre, hat in ihrem Leben an unzähligen Expeditionen und Besteigungen auf der ganzen Welt teilgenommen – zu einer Zeit, als Frauen am Berg fast ebenso schwer zu finden waren wie Messners Yeti.
Wenn man heute mit ihr über ihre Erinnerungen spricht, hat man fast das Gefühl, als wären ihre Erfolge nicht weiter erwähnenswert und die Erstbesteigung des 7.000ers Urdok I im Rahmen der Hidden Peak Expedition so nebenbei passiert.
Ganz so war es nicht – die Expeditionen der damaligen Zeit waren langwierig und mühsam und forderten von allen Teilnehmenden Höchstleistungen. Aber sie waren auch echt und naturverbunden, und wenn man Lilo Schell und ihrem Mann, Bergsteigerlegende Hanns Schell, zuhört, findet man sich selbst in Gedanken abseits jeder modernen Zivilisation und Technik und träumt ein wenig von Abenteuern und Landstrichen, in denen kein Mensch vorher war.

Frau Schell, Sie sind 1939 in Wien geboren und waren schon von Kind an immer in den Bergen unterwegs.
Lilo Schell: Ja, in den österreichischen Alpen. Wir hatten kein Auto, das war damals normal – also sind wir im Sommer von Wien weg immer eine Woche marschiert. Und im Jahr darauf sind wir dort weggegangen, wo wir im Vorjahr aufgehört haben. Und irgendwann sind wir am Fuß des Großglockners gestanden.
Haben Sie vor den Himalaya-Expeditionen noch andere Hochgebirge bestiegen?
Lilo Schell: Auf 4.000ern waren wir vorher schon, aber nicht auf sehr vielen – davor haben wir ja unsere Kinder aufgezogen.
Sie haben sechs Kinder, die bei manchen Expeditionen zum Teil noch sehr jung waren – wie hat das funktioniert?
Lilo Schell: Wir haben sie aufgeteilt. Die Großeltern hätten nicht alle sechs nehmen können – bestenfalls eines. Der Jüngste war dann bei Hanns’ Schwester, und unsere Tochter war bei einer befreundeten Familie, mit der sie bis heute eine enge Freundschaft verbindet.
Gehen Ihre Kinder eigentlich auch Bergsteigen?
Lilo Schell: Ganz unterschiedlich. Sportlich sind sie alle, aber richtig Bergsteigen gehen nur unsere Tochter Andrea und eventuell unser ältester Sohn Dieter. Skitouren gehen alle. Wir waren auch fast alle gemeinsam im Himalaya-Gebirge, bei einer Umrundung des Nanga Parbat. Außer Klaus, den wir daheimlassen mussten – er war Schwimmer und ist immer nur geschwommen, geschwommen, geschwommen. Und Peter kam nicht mit, der war noch zu jung.
Die meisten Besteigungen im Hochgebirge haben Sie im Alter zwischen 30 und 40 gemacht?
Lilo Schell: Ja, weil davor habe ich unsere Kinder bekommen (lacht).
Und wann hat das mit dem Bergsteigen aufgehört?
Lilo Schell: Das hört nicht auf. Wir gehen auch heute noch gemeinsame Wanderungen, wenn es geht. Mehrtägige Wanderungen würde ich gerne noch machen, aber da mangelt es an Begleitung. Ich hatte einen Kletterpartner, aber der ist gesundheitlich nicht mehr dazu in der Lage.
Sie waren bei vielen Expeditionen Ihres Mannes dabei – was, würden Sie sagen, war das Highlight?
Lilo Schell: Die Erstbesteigung des Urdok I, das ist etwas, das bleibt.

Und was war die schlimmste Erfahrung?
Lilo Schell: Da war nichts Schlimmes. Wir haben Gott sei Dank immer Glück gehabt, gerade am Hidden Peak.
Hanns Schell: Da ist sie dreimal fast gestorben. Wir mussten einen reißenden Fluss durchqueren, und sie hatte nur eine Hand am Seil und wurde mitgerissen. Wir hatten Glück, dass ein Träger schon drüben war und sie noch erwischt und rausgezogen hat.
Lilo Schell: Das zweite Mal bin ich in eine Spalte gestürzt. Die war zum Glück voller Wasser, sodass ich nicht weiter abstürzen konnte, aber dadurch waren die Wände ganz glatt, sodass ich nicht hochklettern konnte. Sie haben dann oben Skistöcke über die Spalte gelegt, an denen ich mich rausgezogen habe.
Und das dritte Mal war im Lager 1. Die Verankerungen meines Zelts hatten sich gelöst und der Wind trieb das Zelt mit mir darin auf den Abgrund zu. Zum Glück blieb das Zelt vor der Kante hängen. Aber ich hätte deswegen nicht gesagt: “Ich fahre nie mehr mit.”
Was unterscheidet damalige von heutigen Expeditionen, auch bezüglich Ausrüstung, Verpflegung und Gepäck?
Hanns Schell: Wir haben ins Basislager fast immer Ziegen mitgenommen, die wurden dann geschlachtet, so hatte man frisches Fleisch. Und jeder einen Rucksack voller Dosen. Und dann noch Reis, Nudeln, Grundnahrungsmittel. Heute haben sie Astronauten-Nahrung – die volle Kalorienzahl, aber kaum Gewicht.
Lilo Schell: Die Schuhe waren katastrophal im Vergleich zu heute. Kalt und schwer. Die hatten jeweils über zwei Kilo.
Hanns Schell: Auch die Zelte hatten damals fünf, sechs Kilo für zwei Leute. Heute hat das beste Zelt 600 Gramm. Und meine Mutter hat die Anoraks genäht, die gab es nicht zu kaufen.

Und die Planung der Routen, ist das eine spontane Entscheidung zum Teil?
Hanns Schell: Wir hatten das Glück, dass wir bei den Erstbesteigungen oft intuitiv die richtigen Seiten genommen haben.
Auch die Wetterprognose war damals viel schwieriger?
Lilo Schell: 30 Prozent Unwetterwahrscheinlichkeit – das war der Wetterbericht. Für jeden Tag.
Wie ist es so hoch oben, friert man dort ständig?
Lilo Schell: Im Gegenteil – durch die Strahlungshitze am Gletscher hat es in der Sonne bis zu 70 Grad, auch wenn die Luft nur um die null Grad hat. Im Zelt konnte man nur sein, wenn es vorne und hinten offen war. In der Nacht hatte es dann –15, –20 Grad. Aber wir hatten gute Daunenschlafsäcke, in denen war es nicht kalt.
Wie war es grundsätzlich für Sie als Frau im Expeditionsteam – hatten Sie das Gefühl, dass Sie eher überstimmt wurden?
Lilo Schell: Was heißt überstimmt? Zuerst müsste ich eine Stimme haben, damit ich überstimmt werden kann (lacht).
Aber Ihre Position im Team wurde nie infrage gestellt?
Lilo Schell: Nein, auch weil mein Mann immer alles organisiert hat, wovon die anderen profitiert haben, die mitfahren konnten. Da hätte niemand etwas dagegen sagen können, dass er seine Frau mitnimmt.

Für Frauen war es aber schon anders beim Bergsteigen als für Männer, oder?
Hanns Schell: Ja, das war so. Man hat Frauen eine solche Leistung nicht zugetraut. Aber Frauen haben mindestens die gleiche Leistungsfähigkeit. Das sieht man ja.
Speziell als Mutter und Vater – ist man vorsichtiger, wenn daheim sechs Kinder auf einen warten?
Lilo und Hanns Schell (unisono): Nein! (lachen)
Hanns Schell: Wir hatten vorgesorgt, für den Fall, dass uns was passiert wäre. Und im Rahmen der Möglichkeiten waren wir sehr vorsichtig, aber ein Restrisiko besteht immer. Ich hatte auch drei schwere Autounfälle, wo ich völlig unschuldig war, dabei hätte ich genauso sterben können.
Und Ihr persönliches Highlight, abseits von extremen Höhen und Erstbesteigungen?
Lilo Schell: Der Stetind. Das ist ein Berg in den Lofoten, Nordnorwegen, der fast völlig senkrecht abfällt, mit glatten Granitwänden, direkt ins Meer. Oben hat er eine flache Gipfelplatte, wenn man sich dort auf den Bauch legt und über die Kante schaut, sieht man senkrecht bis runter zum Wasser.

Gibt es Berge, die Sie gerne noch gemeistert hätten?
Lilo Schell: Darüber denke ich nicht nach. Denn mehr als 400 Höhenmeter schaffe ich nicht mehr. Und das ist zu wenig für einen ordentlichen Berg (lacht).
Steirische Hidden-Peak-Expedition

Der Hidden Peak (Versteckter Gipfel) oder auch Gasherbrum I ist der 8.080 Meter hohe Hauptgipfel der Gasherbrumgruppe und elfthöchster Berg der Erde, gelegen zwischen Pakistan und China. Die Expedition zeichnete sich durch alpinistische Bodenständigkeit aus – künstlicher Sauerstoff wurde nur zu medizinischen Zwecken mitgeführt, es gab keine Hochträger und die Anreise erfolgte größtenteils mit VW-Bussen quer durch Europa und Asien.
Herbert Zefferer, Hans-Robert Schauer und Hanns Schell erreichten am 11. August 1975 als erste Steirer den Gipfel.
Vor der Besteigung des Hidden Peak verzeichnete die Expedition aber einen mindestens ebenso großen Erfolg: die Erstbesteigung des Urdok I mit 7.250 Metern durch Hanns Schell, Lilo Schell, Herbert Zefferer, Hans-Robert Schauer und Karl Hub. Bis heute wurde der Gipfel des Urdok I kein weiteres Mal erklommen.
50 Jahre Hidden Peak – Mountainfilm Graz

Im Rahmen des Filmfestivals Mountainfilm Graz 2025 wurde auch das 50-jährige Jubiläum der Hidden-Peak-Expedition begangen – mit Würdigung der noch lebenden Teilnehmenden und Vorführung des Dokumentationsfilms “Hidden Peak – Der versteckte Gipfel” von Hans-Robert Schauer, der die Expedition damals filmte und auch Veranstalter des Festivals ist.
Auch 2026 wird gefeiert: 40 Jahre Mountainfilm Graz mit zusätzlichen Jubiläumsveranstaltungen.
Termine:
Jubiläumsveranstaltung: 10. und 11. November 2026
Mountainfilm Graz: 17. – 21. November
Weitere Infos: www.mountainfilm.com
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Es muss ja kein 7.000er sein – gerade im Herbst locken die österreichischen Berge zu ausgedehnten Wanderungen. Wir haben wunderschöne Wanderrouten je Bundesland ausgesucht und stellen diese kurz vor.
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