Editorial Mai 2026
STEIRERIN-Chefredakteurin Lissi Stoimaier mit ein paar Gedanken zum Muttersein.
© Marija Kanizaj
Es gibt Momente, in denen ich meinen Sohn anschaue – inzwischen zehn Jahre alt, mit erstaunlich sturem Kopf und einer noch erstaunlicheren Fähigkeit, Socken zielsicher neben den Wäschekorb zu platzieren – und mich frage, wann aus meinem kleinen Baby eigentlich dieser eigenwillige, kluge, herrlich lustige Mensch geworden ist.
Gerade rund um den Muttertag wird das Bild der Mutter gern weichgezeichnet: Blumen, Frühstück am Bett, krakelige Herzchen auf Bastelkarton und diese liebevoll hingeworfenen „Beste Mama der Welt“-Botschaften, bei denen man sofort zu Tränen gerührt ist. Und das, obwohl man ganz genau weiß, dass dieselbe kleine Person am Vortag noch „Du bist so unfair!“ gerufen hat, weil man auf Hausaufgaben bestand. Muttersein lebt von dieser besonderen Form emotionaler Wendigkeit. Wir werden innerhalb von zehn Minuten zur Königin des Universums und zur persönlichen Widersacherin erklärt, manchmal noch vor acht Uhr morgens.
Kinder profitieren nicht von perfekten Müttern, sondern von echten.
STEIRERIN-Chefredakteurin Lissi Stoimaier
Vielleicht ist das die eigentliche Kunst des Mamaseins: diese wunderbare Widersprüchlichkeit auszuhalten. Die Nähe und die Reibung. Die große Zärtlichkeit und die kleinen Alltagskämpfe. Die Verantwortung, einen Menschen ins Leben zu begleiten, und gleichzeitig die Einsicht, dass man dabei selbst ständig umlernen muss.
Was mir daran zunehmend gefällt: Mit jeder Phase fällt auch ein Stück Perfektionsanspruch ab. Zum Glück. Denn die Vorstellung der makellosen Mutter ist ohnehin eine der hartnäckigsten Fiktionen unserer Zeit. Die echte Mutter ist oft etwas zu laut, manchmal zu müde, gelegentlich genervt – und liebt ihr Kind trotzdem mit einer Konsequenz, die beinahe übermenschlich ist. Ich glaube sogar, Kinder profitieren nicht von perfekten Müttern, sondern von echten. Von Frauen, die sich auch einmal entschuldigen. Die nicht alles wissen. Die vormachen, dass Liebe nicht bedeutet, alles fehlerlos zu tun, sondern immer wieder da zu sein.
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