Zukunftsforscher im Interview 2026

“Die Zukunft entsteht im Hier und Jetzt” – Trendforscher Harry Gatterer im Interview

Welche Trends unser Leben in den kommenden Jahren bestimmen und was es braucht, um darauf zu reagieren.

10 Min.

© Pixabay/Wolfgang Hasselmann

Welche Trends unser Leben in den kommenden Jahren bestimmen und was es braucht, um darauf zu reagieren, wollten wir von Trendforscher Harry Gatterer wissen. Er sagt: Die Zukunft ist kein Zufall, und Glaskugeln helfen auch nicht weiter.

Die Zukunft hat derzeit keinen einfachen Stand. Wer die Zeitung aufschlägt oder durch den Newsticker scrollt, liest von Krisen und Kriegen, von Unsicherheiten und ungelösten Konflikten. Der Blick nach vorne ist oft von Sorge geprägt, eine zuversichtliche Grundhaltung scheint zunehmend zur Ausnahme zu werden. Zugleich war es selten so wichtig wie heute, Zukunft nicht nur als etwas zu verstehen, das auf uns zukommt, sondern als etwas, das wir mitgestalten können.

Der Trendforscher Harry Gatterer beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie Veränderungen unsere Gesellschaft prägen und welche Herausforderungen und Möglichkeiten sie mit sich bringen. Der gebürtige Kufsteiner ist CEO des österreichischen Zukunftsinstituts und gilt als einer der führenden Experten für Trends und Zukunftskompetenz.

In seiner Arbeit verknüpft er gesellschaftliche Entwicklungen mit unternehmerischen Entscheidungen und begleitet Führungskräfte sowie Organisationen dabei, Potenziale zu erkennen, ihre strategischen Auswirkungen einzuordnen und Zukunft aktiv zu gestalten. Im TIROLERIN-Interview blickt für uns auf das Jahr 2026, spricht über Megatrends jenseits der üblichen Schlagworte und die Verantwortung, die wir selbst für unsere Zukunft tragen.

Herr Gatterer, haben Sie heute schon einen Blick in die Zukunft geworfen?

Harry Gatterer: Ja klar, ich mache das beruflich (lacht)! Aber im Ernst: Zukunft entsteht nicht irgendwo da draußen, sondern im Hier und Jetzt; in dem, womit wir uns heute beschäftigen.

Was konnten Sie da sehen – zum Beispiel für das neue Jahr 2026?

Heute habe ich mit dem Zukunftsreport des Zukunftsinstituts gearbeitet – darin finden sich auch Themen, die wir gerne ausblenden: Sicherheit zum Beispiel. Das ist ein wachsender Megatrend mit ernst zu nehmenden Folgen für Europa. Nehmen wir nur die „Guardification“, also den verstärkten Sicherheits-Fokus auch in zivilen Bereichen. Das werden wir im Alltag immer deutlicher spüren. Aber es gibt auch extrem motivierende Entwicklungen: „Exponential Me“ etwa – so nennen wir ein Phänomen, das zeigt, dass wir unsere Zukunft vor allem selbst gestalten können. Unsere Zukunft ist kein Schicksal, dem wir ausgeliefert sind, sondern ein offener Gestaltungsraum.

Zukunft-Trends 2026
© Pexels

Gibt es darüber hinaus noch andere Entwicklungen, die das kommende Jahr aus Ihrer Sicht besonders stark prägen werden – abgesehen von jenen, die ohnehin in aller Munde sind?

Eine Entwicklung, die ich neben der Künstlichen Intelligenz – über die ich jetzt bewusst nicht spreche – beobachte, ist das Thema Alter. Wir werden als Gesellschaft älter, und das wird mit jedem Jahr spürbarer. Diese Verschiebung prägt nahezu alle Lebensbereiche – von der Arbeitswelt über das Gesundheitssystem bis hin zum Verkehrssystem: Durch das Verschieben der Altersstrukturen werden Rush Hours entzerrt und die Verwendung der Öffis sich noch mehr über den Tag verteilen. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Frage, wie wir lernen.

Hier erleben wir gerade einen fundamentalen Wandel: weg vom bloßen Konsumieren von Wissen, hin zur Anwendung. Wir lernen pragmatischer, im Tun, nicht im Seminarraum. In Schulen verläuft diese Veränderung naturgemäß langsamer, doch in der Erwachsenenbildung – auf Konferenzen, in Trainings – entstehen völlig neue Lernpfade.

Für Unternehmen wird es wieder ein herausforderndes Jahr. Die Kaufkraft entwickelt sich vielerorts seitwärts oder abwärts, gerade in den Tiroler Kernmärkten wie Deutschland. Aber es gibt auch eine positive Seite: Die Frage „Was ist wirklich wichtig im Leben?“ wird an Bedeutung gewinnen. Ich sehe darin eine große Chance unserer Zeit – besonders für Regionen, in denen Qualität seit jeher eine zentrale Rolle spielt.

Welche Zukunftskompetenzen halten Sie für entscheidend?

  • Erstens: den souveränen Umgang mit Komplexität. Wir leben ab sofort ständig in informationsüberfluteten Zeiten. Es geht darum, aus diesem Zuviel jene Schlüsse zu ziehen, die privat wie beruflich tragfähig sind.
  • Zweitens: die bewusste Rückbesinnung auf das, was einem selbst wirklich wichtig ist. Und das meine ich gar nicht im Sinne von Egoismus, eher im Gegenteil: Das „Wir“ wird an Bedeutung gewinnen, soziale Qualität wird zum zentralen Faktor.
  • Drittens: Lern- und Adaptionsfähigkeit. Sich auf unerwartete, vielleicht auch ungewollte Entwicklungen einzulassen, ohne sich selbst dabei zu verlieren, wird wichtiger denn je. Deshalb braucht es neben tiefer Spezialisierung auch ein solides Allrounder-Verständnis. Und ja, Technologiekompetenz ist essenziell – oder besser gesagt: die Freude daran, mit Technologie umzugehen. Damit wir eben nicht zu Opfern von KI werden, sondern mit ihrer Hilfe unsere Welt konstruktiv gestalten.

Aber am allermeisten braucht es das Lächeln. Klingt vielleicht pathetisch, ist aber ganz praktisch gemeint: Wenn Sie heute in ein Meeting gehen, bei dem alle angespannt und verkrampft sind – was kommt dabei raus? Meistens Schuldzuweisungen und Absicherung. Wenn Sie aber mit Menschen arbeiten, die entspannt genug sind, um auch mal zu lächeln, dann entsteht Raum für echte Verantwortung, für Empathie und ehrliche Zusammenarbeit. Ohne Entspannung keine Verantwortung – davon bin ich überzeugt.

Zukunft Trend Symbolfoto
© RDGraphics

Zurück zum Thema Trends: Wie definieren Sie als Experte überhaupt einen Trend?

Ein Trend ist eine empirisch belegbare Veränderung, die sich beobachten und beschreiben lässt. Veränderungen in unserem Umfeld haben immer – direkt oder indirekt – einen Einfluss auf uns. Ein Beispiel: Ein Beispiel ist der Trend „Mental Health“, den wir seit Jahren beobachten: Immer mehr Menschen, insbesondere junge, haben mentale Probleme, sind überfordert, brauchen Unterstützung.

Das wirkt sich auf das Alltagsleben aus, auf Jobs wie Psychotherapeut:innen, deren Anzahl zunimmt, aber auch auf die Nutzung von KI, die immer mehr als persönlicher Coach angewandt wird. Es wirkt sich auf die Bildung, Erziehung und letztlich auch auf die Politik aus. Wir sehen: Belastbar erhobene Trends zeigen reale Veränderungen – und damit Kräfte, die unser Leben prägen. Natürlich betrifft nicht jeder Trend auch alle Menschen.

Eine der zentralen Aufgaben in unserer Arbeit ist es deshalb, für unsere Kund:innen jene Trends zu identifizieren, die die größte Relevanz für deren Zukunft haben.

Haben Sie sich schon immer gerne mit der Zukunft befasst?

Ich bin sehr neugierig und will einfach wissen, wie die Welt funktioniert. Die Zukunft ist dabei eine wunderbare Bühne, die es uns erlaubt, jenseits des Alltäglichen zu denken. Der Rest ist Handwerk. In den letzten Jahren habe ich mit meinem Team vor allem daran gearbeitet, die Zukunftsforschung deutlich seriöser zu machen. Fundierte Forschungsdesigns, theoriebasierte Methodik und vor allem anwendbare Ergebnisse, die überprüfbar sind, stehen im Zentrum. Auch dahin hat mich die Neugierde geführt, nämlich zur Frage: Wie kann man Zukunft aktiv gestalten?

Und wie lernt man vorauszusagen, was die Zukunft bringt?

Es geht weniger um Voraussagen als um das Erkennen von Mustern in größeren Zusammenhängen – wir nennen sie Megatrends. Diese Muster beschreiben große Cluster von Veränderungen. Und weil sie so groß sind, wirken sie auch über lange Zeiträume. Dieses Handwerk durfte ich durch meine inzwischen über 20-jährige Zusammenarbeit mit herausragenden Wissenschaftler:innen erlernen. Mittlerweile präge ich mit der systemischen Zukunftsforschung die Disziplin stark selbst mit. Denn es geht längst darum, Muster in hochkomplexen Gemengelagen zu erkennen – dafür braucht es völlig neue Werkzeuge. Die haben wir im Zukunftsinstitut über die Jahre entwickelt, erprobt und geben sie mittlerweile auch in Kursen zum „Future Management“ weiter.

Wie sehen diese Werkzeuge konkret aus, mit denen Sie Megatrends identifizieren?

Empirische Trendforschung beginnt immer mit Daten. Diese sammeln wir als sogenannte „Wide Data“ auf Basis einer Datenmatrix. Darin verknüpfen wir Entwicklungen aus Wirtschaft, Politik, Gemeinschaft und Legitimation – allesamt Subsysteme der Gesellschaft. Die erhobenen Daten reflektieren wir ausführlich mit Expert:innen, verdichten sie in qualitativen Codifizierungsverfahren und Netzwerkanalysen. Ja, okay, das klingt jetzt etwas kompliziert – und das ist es auch. Vor allem aber ist diese Vorgehensweise belastbar und tragfähig. Wer tiefer einsteigen möchte, findet das ausführlich in meinem Buch „Megatrend Research“. Für mich ist wichtig, dass Trends seriös erforscht sind. Ich mag diese manchmal etwas oberflächliche Guru-Kultur nicht, die es in der Trendforschung teilweise noch gibt. Es geht nicht um Personen, die etwas angeblich besser sehen. Es geht um nachvollziehbares Handwerk.

Wie unterscheiden Sie zwischen einem kurzfristigen Hype und einem wirklich relevanten Trend?

Je enger der Rahmen ist, in dem ein Phänomen beobachtbar ist, desto eher handelt es sich um einen Hype oder ein eingegrenztes Phänomen. Das bedeutet: Je weniger Lebensbereiche betroffen sind, je geringer die regionale Streuung oder je weniger Branchen involviert sind, desto isolierter und damit kurzfristiger sind Entwicklungen einzuschätzen. Es gibt also ganz klare Indikatoren für Trends.

Ein Beispiel:

Die Fidget Spinner vor ein paar Jahren – ein isoliertes Phänomen, das nur einen Produktbereich betraf und regional begrenzt war. Mental Health hingegen begegnet uns in Bildung, Arbeitswelt, Gesundheitssystem, in verschiedenen Ländern und Kulturen – das ist ein echter Trend.

Sind Sie mit Ihren Prognosen auch schon mal gründlich falschgelegen?

Prognosen sind nicht mein Geschäft. Mir geht es darum, Trends zu identifizieren, also Veränderungen wahrnehmbar zu machen – belastbar und nachvollziehbar formuliert. Und darum, Zukunft aktiv zu gestalten. Im Future Management leiten wir aus diesen Trends konkrete Strategien ab, indem wir das Außen – die Trends – mit dem Innen – dem Entwicklungspotenzial einer Organisation – koppeln. Natürlich kann man dabei auch danebenliegen, das liegt in der Natur der Sache.

Rückwirkend betrachtet haben wir mit meinem Team aber in einem sehr hohen Maß dazu beigetragen, für unsere Kund:innen Zukunft zu gestalten. Sonst wären wir heute nicht dort, wo wir sind, und würden nicht für Organisationen wie den FC Bayern München, die K+S AG oder den Fensterhersteller Internorm arbeiten.

Wer heutzutage die Zeitung aufschlägt, bekommt oft ein eher düsteres Bild von dem, was da auf uns zukommt. Was gibt Ihnen Hoffnung, wenn Sie an die nächsten Jahre denken?

Wir sind Menschen. Wir generieren, entwickeln und machen die Zukunft. Niemand nimmt uns diese Verantwortung ab. Wenn wir lernen, konstruktiv mit dem umzugehen, was uns umgibt, erkennen wir plötzlich Handlungsräume, die wir im Blindflug des Alltäglichen nicht mehr gesehen haben.

Der Ausblick ist aus meiner Sicht gar nicht so schlecht – wenn wir aktiv und konstruktiv an der Zukunft arbeiten. Wenn wir sie den anderen überlassen und nur hoffen, dass es besser wird – was auch immer „besser“ dann überhaupt wäre –, dann kann es schon sein, dass es düster aussieht. Aber ich bin überzeugt, dass wir in Europa die Zukunft wieder stärker als Raum der Freude und Gestaltung entdecken werden.

Wir haben uns im Team für diese Ausgabe gefragt, welchen Trend wir uns für 2026 wünschen würden. Wie lautet Ihre Antwort?

Dass unsere Kinder einen siebten Sinn für Fake News entwickeln. Das klingt vielleicht fantastisch, ist aber durchaus realistisch – wenn auch vielleicht noch nicht bis 2026. Deshalb wünsche ich es mir umso mehr! Die Fähigkeit, Wahrheit von Manipulation zu unterscheiden, wird eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen sein. Wenn die nächste Generation das beherrscht, sind wir einen großen Schritt weiter.

Das könnte dich auch interessieren:

Feiertage 2026: So holst du das Maximum für dich heraus

Reisetrends 2026: Urlaub mit Sinn

Über Redakteurin Leonie Werus:

© Birgit Pichler

Leonie Werus betreut die Ressorts Genuss, Wohnen, Freizeit und Gesundheit. Sie ist ein echter Workhaholic und weiß jede Minute gut für sich zu nutzen. Mit ihren Airfryer, liebevoll Fritti genannt, probiert sie gerne neue Rezepte und versucht nebenbei das TIROLERIN-Team zum Sport zu motivieren – meist leider vergeblich.

Abo

Immer TOP informiert: Mit dem Print-Abo der STEIRERIN – ob als Geschenk, oder für dich selbst!

×