Ein leeres Bett mit Sonnenlicht

Auf ihre Kosten: Was Frauen suchen, wenn sie einen Callboy buchen

Ein Mann für einen Abend

13 Min.

© Pexels/ Phil Desforges

Bevor Sandra S. (Name von der Redaktion geändert) einen fremden Mann in ihre Wohnung lässt, geht sie mit ihm spazieren. Sie möchte seine Stimme nicht nur am Telefon hören, sehen, wie er sich bewegt, herausfinden, wie es sich anfühlt, neben ihm zu gehen. Und vor allem möchte sie sich die Möglichkeit bewahren, die Sache ohne Erklärung zu beenden: nach dieser Runde einfach höflich abzubiegen und wieder allein nach Hause zu gehen.

Das Treffen ist längst vereinbart. Trotzdem liegt in diesen ersten Minuten die eigentliche Entscheidung. Kann sie ihn riechen? Fühlt sie sich sicher? Möchte sie diesen Mann tatsächlich in ihren persönlichen Raum lassen? Später sitzen sie bei Sushi und Prosecco auf der Couch. Sie ist nervös, aber nicht wegen einer besonders ausgefallenen sexuellen Fantasie. Ihre größte Sorge ist viel banaler: Wie gelangt man von einem gemeinsamen Abendessen ins Schlafzimmer, ohne dass der Übergang seltsam oder inszeniert wirkt? Der Mann, der ihr gegenübersitzt, heißt David L. und arbeitet als Callboy. Er kennt solche Situationen. Für sie ist es das erste Mal.

Keine Zeit für Zufälle

Als Sandra David kennenlernt, ist sie Mitte 30, getrennt und führt als Alleinerziehende mit einem Sohn im Kleinkindalter ein durchgetaktetes Leben. Neben ihrer 30-Stunden-Woche bleibt kaum Zeit, spontan auszugehen oder sich durch den Dating-Dschungel zu kämpfen.

Natürlich hätte sie Tinder, Bumble & Co. öffnen können. Nachrichten tippen, einen Babysitter organisieren, sich treffen, reden, hoffen, dass die Chemie stimmt. Vielleicht wäre daraus ein schöner Abend geworden. Vielleicht auch nur ein weiteres Date, das viel Zeit kostet und wenig zurückgibt. Sie glaubt nicht, dass sie keinen Mann kennenlernen könnte. Sie möchte ihre knappe Freizeit schlicht nicht mehr dem Zufall überlassen.

Gerade bei unverbindlichen Begegnungen hat sie gelernt: Männer haben dabei oft vor allem ihre eigenen Bedürfnisse im Blick. Warum sollte sich auch jemand groß ins Zeug legen, wenn man einander womöglich nie wiedersieht?

Hinzu kommt eine Altlast aus der Vergangenheit. In ihrer Ehe fühlte sie sich beim Sex selten wirklich wahrgenommen. Ihr damaliger Partner war vor allem mit sich selbst beschäftigt. Irgendwann stellt sie sich eine ganz einfache Frage: „Was ist sexuell eigentlich mit mir möglich?“ Gemeint ist damit keine Liste spektakulärer Praktiken.

Sie möchte erfahren, wie sich Sex anfühlen kann, wenn jemand aufmerksam bleibt. Wenn sie nicht nur beteiligt ist, sondern tatsächlich im Mittelpunkt steht. Ein oder zwei Wochen klickt sie sich durch Profile und Bewertungen. Dann schreibt sie David. Für sie ist das kein Akt der Verzweiflung, sondern knallharte Effizienz: Statt Zeit in ungewisse Dates zu investieren, bucht sie einen Abend, dessen Rahmen von Anfang an klar ist.

Ein Mann küsst eine Frau hinter einer Duschwand
© Shutterstock

Unsichtbare Kundin

Dass Männer für Sex bezahlen, ist gesellschaftlich vertraut. Es wird moralisiert, belächelt oder mit einem Augenzwinkern kommentiert, aber kaum jemand ist überrascht, dass dieser Markt existiert. Eine Frau, die dieselbe Entscheidung trifft, irritiert stärker. Auch Sandra hatte zunächst ein bestimmtes Bild im Kopf. Sie dachte an ältere Frauen oder an extrem erfolgreiche Karrierefrauen, die ständig unterwegs sind und keine Zeit für Beziehungen haben. Sich selbst fand sie darin nicht wieder.

Dass dieses Klischee reichlich verstaubt ist, weiß auch Kevin F. Er arbeitet selbst als Callboy und betreibt mit callboyz.net ein Callboy-Portal für den deutschsprachigen Raum. Nach seiner Erfahrung gibt es nicht die eine typische Kundin. Gebucht werde von Frauen verschiedener Altersgruppen, Berufe und Lebenssituationen. Manche seien nach einer Trennung neugierig auf eine neue Erfahrung, andere wollten nach vielen Jahren in einer Beziehung wieder begehrt werden. Wieder andere suchten unkomplizierten Sex, ohne sich durch Dating-Apps und unklare Erwartungen arbeiten zu müssen.

Die weibliche Kundin passt trotzdem nicht recht in die vertraute Erzählung über Begehren. Frauen dürfen Lust haben, solange sie nicht zu offensiv damit umgehen. Sie dürfen auswählen, am besten aber erst, nachdem sie selbst ausgewählt wurden. Und für eine Begegnung zu bezahlen, wirkt noch immer wie ein Eingeständnis, obwohl es ebenso gut Ausdruck einer sehr bewussten Entscheidung sein kann. Genau hier zeigt sich für den Portalbetreiber ein überholtes Rollenbild: „Frauen sollen begehrt werden, nicht selbst begehren und schon gar nicht dafür bezahlen.“

Gerade weil ihre Bedürfnisse scheinbar weniger spektakulär sind, bleibt die weibliche Kundin oft unsichtbar. Sie sucht nicht zwingend das Verruchte oder Verbotene. Sie sucht Sex, Aufmerksamkeit, Nähe oder schlicht Abwechslung. Dinge, die auch in gewöhnlichen Beziehungen und Affären verhandelt werden. Neu ist nur: Sie stellt die Bedingungen auf. Schon die verwendeten Begriffe zeigen, wie stark unsere Wahrnehmung von alten Bildern geprägt ist.

Das Wort Callboy klingt für Sandra „schmutzig“. Escort fühlt sich passender an. Sie wollte keinen anonymen Mann, der für zwei Stunden im Hotelzimmer vorbeischaut und wieder verschwindet. Sie wollte jemanden zum Reden. Einen Mann, bei dem die Chemie stimmen muss, bevor überhaupt Lust entsteht. Was sie sucht, ist deshalb keineswegs weniger körperlich. Es passt nur nicht in die verbreitete Vorstellung davon, wie gekaufter Sex auszusehen hat.

Die Eigenschaften, die auf diesem Markt am meisten wert sind, sind genau die, die Männern klassischerweise oft aberzogen werden.

Kevin F., Callboy und Betreiber von callboyz.net

Anti-Alpha

Was genau wird bei einer solchen Begegnung gekauft? Natürlich Sex. Es wäre albern, den körperlichen Teil hinter Begriffen wie Nähe, Zärtlichkeit oder Wertschätzung zu verstecken. Callboy David sagt selbst klar, dass Sex bei seinen Buchungen in der Regel dazugehört. Doch der Abend beginnt lange vor dem Schlafzimmer. Mit Nachrichten, einem Telefonat, dem Spaziergang, dem Essen und dem vorsichtigen Abtasten, ob man sich überhaupt riechen kann.

Dabei zeigt sich laut Kevin eine recht amüsante Ironie des Marktes: Es seien nicht unbedingt die durchtrainierten Modeltypen mit perfektem Sixpack, deren Profile besonders gut funktionieren. Entscheidend ist etwas, das auf dem freien Dating-Markt oft Mangelware ist: emotionale Intelligenz. „Frauen zahlen bei Männern fast immer für das Gegenteil des klassischen Alpha-Bildes: für Wärme, Aufmerksamkeit, Sicherheit und das Gefühl, ernst genommen zu werden“, sagt der erfahrene Callboy.

Seine Einschätzung deckt sich mit dem, was Sandra über David erzählt. Natürlich stimmte das Optische. Sie fand ihn attraktiv, sportlich und locker. Was sie an den Treffen aber besonders schätzt, ist seine ungeteilte Präsenz. Wenn sie mit ihm zusammen ist, hat sie nicht das Gefühl, gegen ein Handy, Termine oder andere Gedanken konkurrieren zu müssen. Er hört zu, stellt Fragen und versucht nicht, sich ständig zu inszenieren. „Du fühlst dich bei ihm komplett im Mittelpunkt. Gleichzeitig verliert er aber nie die Führung“, sagt sie.

Sie beschreibt eine Form von Männlichkeit, die nicht darauf angewiesen ist, den Raum lautstark zu dominieren. David übernimmt beim Körperlichen durchaus die Führung, ohne sie dadurch kleiner zu machen. Er strahlt Männlichkeit aus und schafft gleichzeitig eine Begegnung auf Augenhöhe. Sandra möchte nicht jede Bewegung anleiten, den gesamten Abend planen und zusätzlich noch die Stimmung managen. Sie möchte sich fallen lassen können, ohne dabei die Kontrolle über ihre Grenzen zu verlieren.

Genau darin liegt die Attraktivität des Anti-Alphas: Er muss seine Männlichkeit nicht permanent beweisen und kann dem Gegenüber deshalb Raum geben. Auf diesem Markt werden Fähigkeiten finanziell belohnt, die in traditionellen Rollenbildern gern als nebensächlich abgetan werden. Zuhören, Unsicherheit auffangen, Atmosphäre schaffen, Wertschätzung ausdrücken. Kevin geht noch einen Schritt weiter: „Die Eigenschaften, die auf diesem Markt am meisten wert sind, sind genau die, die Männern klassischerweise oft aberzogen werden.“

Luxus der Einseitigkeit

Aufmerksamkeit klingt zunächst nach einer erstaunlich bescheidenen Erwartung an ein Date. Tatsächlich ist ungeteilte Zuwendung für viele Menschen ein seltener Zustand. Im Alltag laufen Arbeit, Kinder, Haushalt, Nachrichten und To-do-Listen ständig mit. In langjährigen Beziehungen weicht neugieriges Interesse leicht einer eingespielten Routine. Beim Dating wiederum sind meist zwei Menschen gleichzeitig damit beschäftigt, sich möglichst vorteilhaft zu präsentieren.

Eine bezahlte Begegnung setzt diese Gegenseitigkeit vorübergehend außer Kraft. Sandra muss sich nicht interessant machen, David von sich überzeugen oder zeigen, was sie ihm bieten kann. Sie hat für einen Rahmen bezahlt, in dem ihre Wünsche Ausgangspunkt des Abends sind.

Der Luxus dieser Begegnung liegt in ihrer erlaubten Einseitigkeit. Die Verantwortung, den Abend für beide mitzutragen, fällt weg. Sie darf empfangen, ohne gleichzeitig verführen, bestätigen, oder darauf achten zu müssen, ob auch ihr Gegenüber auf seine Kosten kommt. Und ohne den Drang, sofort etwas zurückgeben zu müssen.

Für einige Stunden verschiebt sich eine vertraute Rollenverteilung. Der Escort übernimmt jene emotionale Arbeit, die in heterosexuellen Beziehungen häufig Frauen zugeschrieben wird. Er stellt eine angenehme Atmosphäre her, fängt Unsicherheiten ab, hält das Gespräch im Fluss und konzentriert sich auf das Wohlbefinden seines Gegenübers. Dass Frauen dafür bezahlen, bedeutet nicht automatisch, dass ihnen diese Zuwendung in ihrem sonstigen Leben fehlt. Es zeigt aber, welchen Wert sie bekommt, sobald sie nicht mehr als selbstverständlicher Teil weiblicher Beziehungsarbeit behandelt wird.

Bezahlte Nähe macht sichtbar, was im Privaten häufig unsichtbar bleibt: Aufmerksamkeit ist Arbeit. Ebenso wie Zuhören und das Schaffen einer Atmosphäre, in der sich ein anderer Mensch sicher und begehrt fühlt. In vielen Beziehungen wird diese Leistung erwartet, aber kaum benannt.

Lust ohne Ratespiel

Vor ihren Treffen sprechen Sandra und David offen darüber, was sie mag, was bisher funktioniert hat und was sie nicht möchte. Was wünschst du dir? Was fühlt sich gut an? Wo liegt eine Grenze? Fragen, die in privaten Beziehungen oft nur sehr vorsichtig oder erst nach Monaten gestellt werden, gehören hier zum ganz normalen Briefing. Niemand muss so tun, als müsste guter Sex spontan aus dem Nichts und durch magisches Gedankenlesen entstehen.

Wie befreiend das Gespräch für die Intimität sein kann, zeigt auch der Film „Meine Stunden mit Leo“. Darin engagiert die verwitwete Nancy den Sexarbeiter Leo, weil sie nach einer sexuell unerfüllten Ehe herausfinden möchte, was ihr überhaupt gefällt. In ihren Treffen geht es mindestens ebenso sehr um Scham, Körperbilder und Grenzen wie um das Körperliche. Das Reden ist dabei keine umständliche Vorstufe zum Sex, sondern bereits die halbe Miete.

Auch für Sandra wird diese Offenheit zum eigentlichen Gewinn der Begegnungen. Sie lernt nicht nur mehr darüber, was ihr körperlich gefällt. Sie lernt, es auszusprechen. „Ich bin durch diese Erfahrung in meiner Sexualität viel selbstbewusster geworden“, sagt sie. Auch in einer späteren Affäre habe sie ihre Bedürfnisse klarer kommuniziert.

Das Geld erleichtert dieses Gespräch, weil es die Rollen klärt. Sie bezahlt nicht dafür, höflich zu lächeln und darauf zu hoffen, dass er ihre Körpersprache schon richtig deuten wird. Ihre Wünsche sind Teil der Vereinbarung. Vertrauen lässt sich trotzdem nicht einfach kaufen. Auch Sandra betont, dass das Honorar allein nicht gereicht hätte, um sich zu öffnen. Entscheidend war das Gefühl, ernst genommen zu werden und jederzeit Nein sagen zu können.

Zwei Stunden mit David kosten laut seinem Profil 400 Euro, Anreise oder Hotel kommen gegebenenfalls hinzu. Das ist genug Geld, um aus einer spontanen Idee eine bewusste Entscheidung zu machen. Ein Callboy ist nicht der einzige Weg zu selbstbestimmter Sexualität. Sandras Erfahrung zeigt vielmehr, was sich verändern kann, sobald Wünsche ausgesprochen werden, statt darauf zu hoffen, dass jemand sie errät. Denn guter Sex ist kein Gedankenlesewettbewerb.

Frauen sollen begehrt werden, nicht selbst begehren und schon gar nicht dafür bezahlen.

Kevin F. über die gesellschaftliche Doppelmoral rund um weibliches Begehren

Professionell echt

Je angenehmer Sandra die Treffen erlebt, desto hartnäckiger meldet sich eine leise Frage im Hinterkopf: Wie viel davon ist David als Mensch und wie viel ist Dienstleistung? Wenn er zuhört, Komplimente macht und Nähe herstellt, ist das echte Sympathie oder einfach professioneller Kundenservice? Der Callboy selbst wiegelt ab. Er spiele keine Rolle. „Ich bin immer ich selbst.“ Sich über viele Stunden zu verstellen, sei ihm viel zu anstrengend.

Echt oder gespielt ist hier womöglich gar nicht die entscheidende Frage. Auch in unbezahlten Beziehungen ist Nähe nicht immer ein spontaner Gefühlsausbruch. Menschen nehmen sich bewusst Zeit, hören zu, obwohl sie müde sind, stellen eigene Gedanken zurück oder versuchen, eine bestimmte Atmosphäre herzustellen. Absicht macht Zuwendung nicht automatisch unehrlich. Professionelle Nähe kann zugleich authentisch und hergestellt sein.

David kann eine Kundin sympathisch finden und dennoch dafür bezahlt werden, sich für eine vereinbarte Zeit exklusiv auf sie zu konzentrieren. Sandra kann sich wirklich gesehen fühlen, obwohl sie weiß, dass diese Aufmerksamkeit auf der Rechnung steht. Das eine hebt das andere nicht auf. Der entscheidende Unterschied liegt womöglich weniger in der Echtheit als in der Garantie. Im Alltag hoffen wir darauf, dass jemand aufmerksam und interessiert ist. Hier wird dies vertraglich zugesagt.

Bedingungslos ist die Begegnung trotzdem nicht. Vor einem Treffen möchte David Fotos sehen und entscheidet, ob die Frau grundsätzlich seinem Typ entspricht. Die Kundin wählt, wird aber ebenfalls ausgewählt. Beide Seiten behalten ihr Vetorecht. Gerade deshalb sollte die Begegnung nicht als Fantasie absoluter weiblicher Kontrolle romantisiert werden. Geld beseitigt weder Sympathiefragen noch Machtgefälle.

Es klärt lediglich vieles im Voraus, was beim gewöhnlichen Dating oft im Unklaren bleibt: Erwartungen, Grenzen, Dauer und den Umstand, dass der Abend nicht zwingend eine Fortsetzung haben wird. Darin steckt auch eine unbequeme Wahrheit: Was Sandra als außergewöhnlich erlebt, besteht nicht aus unerreichbaren Fähigkeiten. Zuhören. Nachfragen. Das Handy weglegen. Grenzen klären. Nicht jeden Satz als Bühne für das eigene Ego nutzen. Der vermeintlich besondere Mann tut vor allem Dinge, die auch in unbezahlten Beziehungen gratis möglich wären.

Kein Versprechen

Inzwischen hat Sandra David mehrmals getroffen. Dass sie sich in ihn verlieben könnte, glaubt sie nicht. Langfristig wünscht sie sich einen Partner, der auch zu ihrem Alltag und ihrem Kind passt. Dafür sei er nicht der Richtige. Bei aller Sympathie nennt sie ihn eine „wandelnde Red Flag“.

Das meint sie nicht abwertend, sondern pragmatisch: Ein Mann, der beruflich Nähe auf Knopfdruck herstellt, mit wechselnden Kundinnen arbeitet und sein Privatleben strikt abschirmt, bringt eine Dynamik mit, die eine verbindliche Beziehung auf Augenhöhe schwierig macht. Was für den gebuchten Abend eine Stärke ist, nämlich die perfekte professionelle Distanz, wäre im Beziehungsalltag ein Minenfeld aus Eifersucht und Unverbindlichkeit.

Für Sandra ist das kein Widerspruch. Ein Mann kann einen Abend lang aufmerksam, charmant und sexuell passend sein, ohne deshalb der richtige Partner für einen gemeinsamen Alltag zu sein. Von Anfang an weiß sie, was sie bekommt und was nicht. Keine Zukunftsplanung, keine Verbindlichkeit und kein Rätselraten darüber, ob ein Treffen zu etwas Größerem führen könnte. „Genau diese Klarheit ist befreiend“, sagt sie.

Beim normalen Dating steht Intimität selten für sich allein. Fast immer wird im Hintergrund verhandelt: Wer meldet sich zuerst? Was bedeutet dieser Blick? Könnte daraus eine Beziehung werden? Bei David fällt diese zweite Ebene weg. Sandra muss keine Zukunft in Aussicht stellen, keine Rolle erfüllen und niemanden davon überzeugen, dass sie die unkomplizierteste Version ihrer selbst ist.

Was sie aus den Treffen mitnimmt, ist deshalb kein romantisches Versprechen, sondern ein neuer Maßstab. Sie weiß heute genauer, was ihr gefällt, wie sie darüber sprechen kann und welche Aufmerksamkeit sie auch außerhalb eines bezahlten Abends erwarten darf. Dass sich diese Erfahrung buchen lässt, ist selbstbestimmt und ernüchternd zugleich. Selbstbestimmt, weil eine Frau ihre Lust nicht dem Zufall überlässt, sondern selbst entscheidet, mit wem und unter welchen Bedingungen sie sie auslebt. Ernüchternd, weil es dabei um Dinge geht, die eigentlich selbstverständlich klingen: zuhören, nachfragen, präsent sein, Grenzen respektieren.

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