Festival-Publikum, eine Frau streckt beide Hände in die Luft

Gatsch & Glamour: So sehen die Festivals der Zukunft aus

Warum Festivals in Zukunft mehr können müssen als nur gute Line-ups

7 Min.

© Pikzelz

Früher reichten oft ein Zelt, Dosenbier und die Lieblingsband. Heute ist das Festival längst mehr als ein Konzertwochenende. Es ist Urlaub, sozialer Treffpunkt, Community Space, Experience und manchmal sogar ein kleines gesellschaftliches Abbild auf Zeit. Wer wissen will, wie sich junge Menschen heute erholen, feiern und begegnen wollen, muss eigentlich nur einen Blick auf die Festivallandschaft werfen. Denn genau dort zeigt sich gerade besonders deutlich, wie sehr sich unsere Erwartungen verändert haben.

Das beginnt schon bei der Art, wie Festivals geplant werden. Besucher:innen buchen Glamping statt Isomatte, achten auf Awareness-Konzepte, erwarten vegane Gastro, saubere Sanitäranlagen, Handyempfang, gute Öffi-Anbindung und möglichst nachhaltige Infrastruktur. Festivals werden immer mehr zu Orten, an denen nicht nur Musik konsumiert, sondern Zugehörigkeit erlebt wird. „Ein Festivalwochenende ist für viele heute nicht einfach nur feiern gehen“, sagt Felix Mayr-Melnhof, Co-Gründer und Veranstalter des Paradies Garten Festivals. „Es ist etwas, worauf man sich lange freut und das im besten Fall lange nachwirkt.“ Genau darin liege auch die große Veränderung der letzten Jahre: Publikum und Veranstalter:innen denken Festivals bewusster. Nicht nur größer, lauter oder spektakulärer. Sondern ganzheitlicher.

Eine Frau steht vor einem Supermarktregal
© Janasophie

Mehr als Musik

Natürlich bleibt das Line-up das Herzstück jedes Festivals. Trotzdem reicht es längst nicht mehr aus, einfach nur große Namen auf ein Plakat zu schreiben. „Die Bands sind nach wie vor sehr wichtig, aber die anderen Systeme holen rapide auf“, sagt Gerold Haubner, Head of Promotion bei Barracuda Music und Teil des Veranstalterteams vom Nova Rock. Gemeint sind damit Dinge, die früher eher Nebensache waren: Gastronomie, Campingqualität, Hygiene, Lichtkonzepte oder Rückzugsorte. Dass man heute auf einem Festival im Supermarkt einkaufen oder zwischen Silent Camping und Glamping wählen kann, wäre vor 20 Jahren noch kaum vorstellbar gewesen.

Auch das FM4 Frequency Festival beobachtet diesen Wandel genau. Geschäftsführer Harry Jenner erzählt, dass Komfort immer wichtiger werde und Glamping-Angebote mittlerweile schnell ausverkauft seien. Dazu kommt der Wunsch nach einer möglichst reibungslosen Festival-Experience, vom Einlass bis zur Bezahlung am Gelände. Sponsor:innen übernehmen längst nicht mehr nur Logos auf Bühnen, sondern gestalten eigene Styling-Areas, Party-Spaces oder Aktivierungen am Gelände. Interessant ist dabei vor allem, dass dieser Wunsch nach Komfort nicht automatisch bedeutet, dass Festivals an Intensität verlieren. Im Gegenteil. Viele Besucher:innen wollen heute beides gleichzeitig: Freiheit und Abenteuer, aber ohne komplettes Chaos. Das elektronische Musikfestival Paradies Garten in Bruck an der Leitha beschreibt diesen Balanceakt treffend: „Man will sich treiben lassen können, aber auf grundlegende Dinge nicht verzichten.“

Generation Festivalurlaub

Auch das Publikum selbst hat sich verändert. Viele Veranstalter:innen beobachten, dass junge Menschen bewusster auswählen, wofür sie Zeit und Geld investieren. Das betrifft Clubs genauso wie Festivals. Beim Frequency sieht man vor allem ein verändertes Ausgehverhalten einer Generation, die ihre Freizeit stärker plant und genauer abwägt. Festivals werden für viele auch deshalb attraktiver, weil Einzelkonzerte immer teurer werden. „Nirgends sonst kann man über 100 Acts an einem Wochenende erleben“, so Harry Jenner. Trotzdem bleibt die Preisfrage eine heikle. Wenn Tickets, Anreise, Camping, Essen und Getränke immer teurer werden, stellt sich auch die Frage, wer sich ein Festivalwochenende in Zukunft überhaupt noch leisten kann.

Zwischen Glamping, VIP-Upgrades und steigenden Produktionskosten droht ausgerechnet ein Format, das lange für Freiheit, Subkultur und kollektiven Ausnahmezustand stand, exklusiver zu werden. Umso wichtiger werden Formate, die Zugang nicht nur mitdenken, sondern zum Prinzip machen. Das Donauinselfest versteht sich seit Jahren bewusst als Festival für alle Wiener:innen, unabhängig von Alter oder Einkommen. Awareness-Teams, Inklusionspartner:innen und barrierefreie Angebote werden dort laufend ausgebaut. „Gerade jetzt braucht es Orte, die für alle offen sind“, sagt Julia Healy, Projektleiterin des Donauinselfests.

Bühne und Publikum am Nova Rock
© Thomas Ranner

Kleine Stadt auf Zeit

Spätestens bei den Besucher:innenzahlen wird klar, welche Dimensionen Festivals heute haben: Beim Nova Rock kamen 2025 rund 222.000 Menschen zusammen, das Donauinselfest zählte im Vorjahr wieder viele Hundertausend Besucher:innen. Solche Veranstaltungen funktionieren längst wie temporäre Städte. Nachhaltigkeit ist dabei kein Nebenthema mehr, sondern Teil der Festivalrealität. Felix Mayr-Melnhof beschreibt das treffend als „kleine Stadt auf Zeit“ mit Energieverbrauch, Wasser, Müll, Gastronomie, Anreise und Infrastruktur. Verantwortung lasse sich deshalb nicht einfach ausblenden. Hinter den Kulissen wird dieser Ausnahmezustand allerdings immer teurer. Produktion, Technik, Sicherheit, Personal und Infrastruktur kosten deutlich mehr als noch vor einigen Jahren.

Festivals werden immer ein analoges Erlebnis bleiben.

Gerold Haubner, Head of Promotion bei Barracuda Music und Teil des Veranstalterteams vom Nova Rock

Dazu kommen steigende Preise für internationale Headliner und immer komplexere Auflagen. Gerade kleinere Festivals geraten dadurch zunehmend unter Druck. „Wenn Festivals aufhören, verschwinden nicht nur Locations“, sagt Mayr-Melnhof. „Da gehen Treffpunkte, kreative Räume und gewachsene Communities verloren.“ Die ökologische Bilanz bleibt trotzdem ein Widerspruch. Festivals verbrauchen Ressourcen. Immer. Die Frage ist nicht, ob ein Festival hundertprozentig nachhaltig sein kann, sondern wie ernsthaft und transparent Veranstalter:innen mit diesem Widerspruch umgehen.

Das Donauinselfest setzt seit Jahren auf Mehrwegbecher, erneuerbare Energie und Kooperationen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Gemeinsam mit der BOKU werden Maßnahmen laufend weiterentwickelt. Beim Nova Rock arbeitet man unter anderem mit einer Nanotechnologie, die es möglich macht, 90 Prozent des Abwassers in Nickelsdorf aufzubereiten. Andere Festivals setzen stärker auf Müllvermeidung, regionale Kooperationen oder nachhaltige Gastro.

Mit Taktgefühl

Themen wie Awareness, Diversität und Inklusion spielen mittlerweile bei vielen Veranstaltungen eine zentrale Rolle. Nicht als Zusatzprogramm, sondern als Teil der Festivalidentität. Beim Donauinselfest werden Awareness-Strukturen, barrierefreie Angebote und Inklusionsmaßnahmen laufend ausgebaut, unter anderem gemeinsam mit Partner:innen wie der Festivalseelsorge und checkit!. Auch beim Paradies Garten sieht man darin einen entscheidenden Teil der Zukunft. Besucher:innen würden heute stärker darauf achten, ob ein Festival seine Werte tatsächlich lebt und nicht nur kommuniziert. „Ich glaube, ein Festival braucht heute einen klaren Charakter“, heißt es vom Team.

Gerade Diversität, Community und Atmosphäre seien Dinge, die sich nicht künstlich herstellen lassen. Interessant ist dabei auch, wie sehr sich Festivals zunehmend als Räume verstehen, in denen gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar werden. Am Donauinselfest beobachtet man außerdem, dass Frauen Festivals immer stärker prägen, nicht nur als Künstlerinnen auf der Bühne, sondern auch als Bookerinnen, Technikerinnen oder Veranstalterinnen dahinter. „Festivals, die Geschlechtergerechtigkeit umsetzen, werden die nächsten Jahrzehnte prägen“, sagt Julia Healy.

Publikum mit Handys zum Filmen in der Hand
© Shutterstock

Live bleibt live

Damit verschiebt sich auch die Frage, was ein Festival eigentlich sein will. Weg vom reinen Konsumprodukt, hin zu Orten mit eigenem Charakter. Orte, die Identität schaffen und Menschen zusammenbringen, die ähnliche Werte oder Interessen teilen. Viele Veranstalter:innen kuratieren heute längst nicht mehr nur musikalisch, sondern auch atmosphärisch. Das betrifft Bühnenbilder genauso wie Rückzugsräume, Gastro-Konzepte oder die Frage, wie sich ein Gelände anfühlt. Das Festival soll nicht nur beeindrucken, sondern ein bestimmtes Gefühl erzeugen. Trotz TikTok, Livestreams und KI bleibt dabei eine Sache auffällig konstant: Festivals funktionieren noch immer vor allem live.

Das Analoge ist heute allerdings nicht mehr frei vom Digitalen. Denn rund um das Live-Erlebnis ist vieles hyperdigital geworden: Timetable-Apps, Cash-less Payment statt Bargeld, Band-Votings, Content Creator:innen und die Suche nach dem perfekten Festivalmoment für Instagram prägen längst mit, wie Festivals geplant, erlebt und erinnert werden. Die digitale Ebene ersetzt das Erlebnis nicht, sie legt sich darüber. Genau deshalb wird das, was sich nicht posten, streamen oder optimieren lässt, umso wertvoller. Viele Veranstalter:innen sehen darin auch die Zukunft ihrer Branche. Felix Mayr-Melnhof spricht von einer wachsenden Sehnsucht nach „echten Emotionen, Menschlichkeit und Orten, an denen man sich zugehörig fühlt“. Auch Gerold Haubner vom Nova Rock sieht darin die besondere Stärke von Festivals: „Gottseidank kann man Festivals noch nicht digitalisieren und durch KI ersetzen. Konzerte und Festivals werden immer ein analoges Erlebnis bleiben.“

Viele Besucher:innen suchen heute nicht mehr nur nach dem nächsten großen Spektakel, sondern nach Momenten, die hängen bleiben. Ein intensives DJ-Set. Ein Sonnenaufgang. Ein Gespräch mit Menschen, die man gerade erst kennengelernt hat. Oder einfach das Gefühl, für ein Wochenende Teil von etwas Größerem zu sein.

Abo

Immer TOP informiert: Mit dem Print-Abo der STEIRERIN – ob als Geschenk, oder für dich selbst!

×