Mutterrolle: Was soll „dem Kind zuliebe” eigentlich bedeuten?
Warum Selbstaufgabe keine gute Antwort sein kann. Drei Perspektiven.
© Unsplash/ Yudi Indrawan
Da sind erschütternde und bestärkende Kommentare. Eine Flut. Aus beidem. Seit Jahren litt Collien Fernandes massiv unter sexualisierter digitaler Gewalt; unter anderem wurden über Fake-Profile pornografische Inhalte verbreitet, die scheinbar sie zeigten. Sie erstattet Anzeige und erhebt – zunächst in einem Spiegel-Artikel – schwere Vorwürfe gegen ihren Exmann Christian Ulmen. Sein Anwalt kündigt rechtliche Schritte gegen das Magazin an, es würden unwahre Tatsachen verbreitet; er selbst meldet sich in der Öffentlichkeit nicht zu Wort (bis zur Drucklegung der WIENERIN Mai-Ausgabe). Es gilt die Unschuldsvermutung. Die Schauspielerin erlebt eine Welle der Solidarität, Kundgebungen finden statt, Gesetzes-Novellen gegen digitale Gewalt werden mit mehr Verve diskutiert. Aber da sind auch „Gegenstimmen“, Zweifel an ihrer Darstellung – und sogar Morddrohungen gegen sie.
Wie Victim Blaming Frauen trifft
Wir kennen das Phänomen: Victim Blaming, Täter-Opfer-Umkehr sagen Expert:innen dazu. „Wie soll die Scham die Seite wechseln, wenn bei fast jeder dieser Geschichten versucht wird, die Frau zu beschuldigen, wenn gefragt wird, warum und wie sie das erzählt, wenn man ihn zu verstehen versucht, seine Karriere bedauert, von einem ,Fetisch‘ spricht, wo wir doch wissen, dass das etwas Konsensuelles wäre“, erklärt Bettina Zehetner von Frauen* beraten Frauen*. Und während wir den Atem anhalten, weil Collien Fernandes wegen Sicherheitsbedenken mit einer schusssicheren Weste bei einer Demo auf eine Bühne in Hamburg tritt, wird frisches Öl in die Flammen gegossen: Was tut sie da ihrem Kind an, erzürnen sich User; einige Medien greifen das Thema teilweise laut, schonungs- und verantwortungslos auf. Der Vollständigkeit halber: Die Schauspielerin selbst hält ihre Tochter von Beginn an weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus, auch aktuell.
Eine Frage lässt mich nicht mehr los – und potenziert sich beim Nachdenken: Was soll eine Frau alles ihrem Kind zuliebe tun – unglücklich in einer Partnerschaft bleiben, vielleicht einen gewalttätigen Mann tolerieren? Wann beginnt dieses „dem Kind zuliebe“ in einer Frauenbiografie? Bei der Geburt ihres Kindes? „Wir wollen die Kleine nicht leiden lassen“, hörte kürzlich eine junge Mutter im sensiblen Wochenbett. Das Baby brachte nicht das „erwünschte“ Gewicht auf die Waage; was die harten Worte in der Stillenden auslösten, schien für die Fachperson irrelevant. Selbst Monate später und mit einem prima genährten Baby im Arm, „bin ich in Bezug auf das Gewicht ständig unentspannt“, erzählt die Mutter.
Beginnt dieses „dem Kind zuliebe“ bei der Schwangerschaft? Ich stelle fest: noch früher. Schon vor dem Kinderwunsch, wenn eine Frau den Körper vorbereiten und ihre beruflichen Ziele entsprechend „anpassen“ soll. Und umgekehrt: Was bedeutet das überhaupt „dem Kind zuliebe“?

Die Kinderschutz-Expertin
Der Begriff werde viel zu häufig manipulativ eingesetzt, weiß Hedwig Wölfl, Leiterin der möwe-Kindeschutzzentren, „auch als Ausrede für eigene Bedürfnisse oder auch, um Dinge nicht angehen, Konflikte nicht anschauen zu müssen“. Das betreffe sowohl private, als auch beispielsweise schulpolitische Themen. Dabei werde ebenso der Mythos genährt, Kinder hielten prinzipiell am Gewohnten fest, „aber niemand ist so veränderungs- und entwicklungsfähig wie Kinder“, betont die Psychologin.
Gegenseitige Vorwürfe der Eltern in der Öffentlichkeit und bösartige User-Kommentare, wie sie auch Collien Fernandes erlebt, „sind Gift für Kinder“, sagt die Kinderschutz-Expertin. „Hier braucht es dringend medienethische Standards für eine opferschutz- und kindersensible Berichterstattung, wobei etwa auf Fotos verzichtet wird.“ Die Kritik sei hierbei an die Medien zu richten, stellt sie klar, und nicht an eine Mutter, „die sich mutig voranstellt und auch strukturelle Gewalt anspricht“.
Dass Beziehungen zu Eltern, die Verbrechen begehen, möglich sind, sei beispielsweise in der kritischen Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit beforscht worden. „Natürlich ist das für Kinder bitter, wenn sie draufkommen, dass ein Elternteil Unrechtes getan oder sogar Straftaten begangen hat, aber die Benennung braucht es für die kognitive und ethische Entwicklung von Kindern“, erklärt Hedwig Wölfl. Die Moralentwicklung, sich eine Urteilsfähigkeit anzueignen und Geschehnisse einsortieren zu können, sei in der Entwicklungspsychologie ein essenzielles Thema. Wesentlich dafür seien auch Märchen, die gut enden, wo eben nicht die Bösen siegen.
Ein Schlüsselwort in der Kinderschutz-Arbeit: die Zurechtrückung, also eine klare Einordnung von Recht und Unrecht. „Selbst wenn Kinder nicht selbst Gewalt erleben, sind sie betroffen. Bleiben Eltern nun angeblich wegen dem Kind zusammen und es gibt aber häusliche Gewalt, dicke Luft, gegenseitige Ignoranz und Anschweigen, vergiftet das die freie kindliche Entwicklung. Man kann das Thema ,zum Wohl eines Kindes‘ nicht über einen Kamm scheren, aber eine Grundregel des Elternseins ist: Vorbild sein.“ Etwa 80 Prozent sei Nachahmungslernen.
Kinder als stille Zeug:innen von Gewalt
Es gebe gelebte Beispiele, wo Eltern zwar nicht im romantischen Sinn, aber aus pragmatischen Gründen zusammenbleiben, weil sie nicht zwei Wohnungen finanzieren oder den Kindern nicht zwei Adressen zumuten möchten. „Wenn das nichts Toxisches beinhaltet, kann das selbst nach einer Scheidung funktionieren“, sagt Hedwig Wölfl. Gewalt zwischen den Eltern bedeute hingegen für Kinder „immer ein direktes psychisches Gewalterleben“, erklärt die Psychologin und zitiert die Soziologin Barbara Kavemann: „Wenn der Vater die Mutter schlägt, trifft er das Kind.“ Dabei nehmen Kinder auch scheinbar stille, sadistische Übergriffe wahr, wenn er beispielsweise vor Gästen „nur“ die Augenbrauen hochzieht, sie aber sehr wohl wissen, wofür es steht. Kinder, die Gewalt zuhause erleben, brauchen oft lange therapeutische Hilfe, betont Hedwig Wölfl. Selbst Säuglinge kriegen Gewalt mit, das belegen etwa auf Cortisol-Messungen basierende Studien.
Enorm belastend sei auch die sogenannte Hochstrittigkeit, „wenn Kinder zum manipulativen Spielball werden“, und die Eltern trotz Trennung nicht aufhören zu streiten. Man müsse mit Kindern stets die Vorgänge klar, aber altersgerecht besprechen. Man dürfe keine „Schutzbehauptungen“ vorschieben – und: „bitte die Kinder- von der Erwachsenen-Ebene trennen und für Kinder und Jugendliche eigene Beratungen und Krisenintervention in Anspruch nehmen“, betont die möwe-Geschäftsführerin Hedwig Wölfl.
Was bedeutet „dem Kind zuliebe“ im Idealfall?
„Eine Selbstaufgabe ist genauso schädlich, wie das Ignorieren von kindlichen Bedürfnissen. Zurückstecken müssen wir als Erwachsene sehr wohl“, sagt Hedwig Wölfl. Das habe zum Teil schon biologische Ursachen, wie etwa die Schwangerschaftsübelkeit oder der Schlafentzug mit Neugeborenen. „Ich muss nicht auf Job und Karriere verzichten, ich kann aber Überstunden streichen.“ Dass vieles manchmal leichter gesagt ist, als getan, weiß die Expertin auch. „Wir leben in einem wenig kinderfreundlichen Land, wo es leider oft leichter ist, mit einem Hund eine Wohnung zu kriegen, als mit einem Kind“, bedauert sie. „Allein dass es einen Markt und Publikum für kinderfreie Hotels und Restaurants gibt, finde ich nicht nur als Kinderschützerin und Entwicklungspsychologin, sondern auch als Mutter und Mensch höchst bedauerlich und zutiefst traurig.
Selbstaufgabe ist genauso schädlich wie das Ignorieren kindlicher Bedürfnisse.
Hedwig Wölfl, Leiterin der möwe-Kinderschutzzentren
Die Frauenberaterin
Bettina Zehetner erlebt es immer wieder: Frauen kommen in die Beratungsstelle, berichten von Gewalterfahrungen – halten aber am Partner fest, zumal er „ein guter Vater“ sei. „Wenn ich frage, was er denn genau als guter, fürsorglicher Vater tut, kommt nicht viel dabei heraus. Zumeist ist es eher so, dass die Frauen ihren Partner schützen und nicht wahrhaben wollen, dass er eben kein guter Vater ist. – Und: Die Mutter der eigenen Kinder zu missbrauchen, hat immer eine Wirkung auf die Kinder, auf Mädchen und Burschen“, sagt Bettina Zehetner von Frauen beraten Frauen*.
Frauen wie Collien Fernandes sei zu verdanken, dass das kollektive Bewusstsein geschärft und der Ruf nach gesetzlichen Änderungen lauter wird, dass Frauen, denen Ähnliches passiert, sich ebenso öffnen trauen. Das sei auch wichtig, weil das Abtun als Einzelfall gewalttätige Personen deckt, mahnt die Gewaltschutz-Expertin. „Das ist aber kein exotischer Einzelfall, sondern leider ein Problem unserer patriarchalen Kultur, unserer Gesellschafts- und Geschlechtsordnung.“
Muttersein als weibliche Bestimmung
Hierzu gehöre nicht zuletzt „die Bestimmung“ der Frau, Mutter zu werden. „Schon wenn sie keine Kinder bekommt, gilt das als begründungsbedürftig; man mutmaßt schnell, es sei etwas nicht in Ordnung, es wird pathologisiert.“ Beschließt sie, Mama werden zu wollen, werde genau hingesehen, was sie dem Kind zuliebe tut: Achtet sie auf sich? Ernährt sie sich gut? Macht sie die Untersuchungen? „Natürlich geht es zum Teil auch um die Gesundheit, aber zu einem anderen Teil eben um die Disziplinierung und Kontrolle von Frauen: ,Ihr müsst euch so und so verhalten, damit das Kind wichtiger ist als ihr selber.‘ – Aber das tut beiden Personen nicht gut, wenn eine höher gestellt wird als die andere“, betont die psychosoziale Beraterin.
Und der Vater?
Wenn eine Frau das Muttersein infrage stellt, werde sie prompt sanktioniert, „dass ein Frauenleben ohne Kinder genauso lebens- und erstrebenswert sein kann, kann sich unsere Gesellschaft bis heute kaum vorstellen. Was da fremdbestimmt wird, ist enorm. Das ist ein Riesenunterschied zu Männern, die können und dürfen alles, aber sie müssen nichts.“ Dem Kind zuliebe in Karenz gehen – das tun bis heute nur ein Prozent der Väter für länger als sechs Monate. So viel Zeit mindestens empfehlen Expert:innen, um nachhaltig eine gleichteilige Versorgungsverantwortung zu erreichen. „Das liegt früh auch an der Sozialisation: Mädchen werden auf Bindung orientiert, Buben auf Autonomie. Dabei ist beides für alle Geschlechter gleich wichtig“, unterstreicht Bettina Zehetner.
Noch immer herrschen Glaubenssätze vor, wie „ich darf dem Kind nicht den Vater nehmen“. „Aber Kinder können auch eine große Motivation sein, sich trennen zu wollen, wenn den Eltern bewusst wird, dass auch sie unter der Situation leiden.“ Eine Kindern „zuliebe“ gespielte heile Fassade wirke sich negativ auf die Entwicklung aus. „Wenn Vorgänge umgedeutet werden, kann sich ein Gefühl von ,bilde ich mir das ein?‘ ausbreiten. Das ist eines der gefährlichsten Einfallstore, wieder Gewalt zu erleben: Wenn ich meiner eigenen Wahrnehmung nicht traue und mein Gegenüber definieren lasse, was gut, richtig und ,normal‘ ist“, gibt Bettina Zehetner zu bedenken.
Mütter sollten Kindern Selbstrespekt und
Bettina Zehetner, Frauen* beraten Frauen*
Selbstbestimmung vorleben können.
Entlastung der Mütter
Wie sollten wir nach Meinung der Frauen-Beraterin dieses „dem Kind zuliebe“ leben? „Bedürfnisse kleiner, noch nicht selbstständiger Wesen dürfen über denen von Erwachsenen stehen. Aber die Haltung, die Mutter müsste sich prinzipiell zurückstellen, müsste nicht sein. Das ist bei Vätern gesellschaftlich kaum im Blick; sie gelten eher als Vorbild, wie toll sie ihr Leben managen, dass sich auch Beruf und Hobbys ausgehen“, beschreibt Bettina Zehetner, die sich eben das auch für Mütter wünscht. „Kein Job der Welt kann 24/7 praktiziert werden – Elternsein ist harte Arbeit, das kann nicht eine Person rund um die Uhr machen. Mütter, insbesondere von Säuglingen, brauchen Zeit zum Schlafen, Spazieren, zum Treffen von anderen Menschen, um den Kopf frei zu kriegen, sonst kann es für alle Beteiligten gefährlich werden.“
Bettina Zehetner kann durchaus Modellen etwas abgewinnen, wonach Eltern „familienübergreifend“ einander unterstützen, beispielsweise Nachbar:innen und Freund:innen. Nicht überall klappe es mit der Großfamilie und die Kleinfamilie bilde – das betont etwa ausdrücklich die Forscherin Mariam Tazi-Preve – eine zu kleine Einheit. Die Lösung sollte keinesfalls die Selbstaufgabe einer Person sein; das erzeuge mitunter Aggressionen bei Kindern. Mütter sollten vielmehr die Chance haben, Werte wie Selbstrespekt, Selbstvertrauen und Selbstbestimmung vorzuleben.
Die Mama
Ihre Frida ist elf Wochen alt, als wir miteinander sprechen. Die Sängerin Michaela Scheider-Khom absolvierte bereits einige Auftritte als frischgebackene Mama – und löste damit auch Empörung aus, räumt sie ein. „Wie kannst du dir und dem Kind das antun?“ – die Frage hat sie mehrmals gehört, dabei handelte es sich bloß um jeweils 15- bis 20-minütige Auftritte. Die vielen Stimmen haben sie durchaus verunsichert, gesteht sie, „ich hätte mir gewünscht, öfter zu hören: ,Hey cool, du schaffst das.‘ – So musste ich mir das selbst sagen.“ Und wenngleich die Bühnenluft jedes Mal auch gut tat, das schlechte Gewissen war immer mit im Gepäck. Selbst als sie kürzlich ein Leiberl für sich shoppen war und die Kleine friedlich im Kinderwagen schlummerte. Frida sei ein chilliges Baby und ihr Partner ein toller Vater, schwärmt sie, „trotzdem fühle ich mich komplett für ihr Wohlbefinden verantwortlich, wenn sie weint, denke ich automatisch, es ist meine Schuld“.
Viele Mütter müssen für ihre Jobs bis heute ihre Kinder
Michaela Scheider-Khom, Sängerin, Vocalcoach
verheimlichen.
Unsichtbare Mütter
Sie sei viel im Austausch mit Müttern, viele seien oft verzweifelt, fühlten sich ausgeliefert, „das hörst du kaum von einem jungen Vater“, sagt Michaela Khom. Mütter werden schneller kritisch beäugt, ist sie überzeugt, und dass sie mehr mit Schuldgefühlen zu kämpfen haben, sei klar ein „Systemfehler“. „In meiner Branche darfst du dir nicht anmerken lassen, dass du Familie hast. Ich hab‘ Kolleginnen, die sogar ihre Kinder verheimlichen.“
Trotz allem genießt sie ihr neues Leben als Mama – und wünscht sich in manchen Momenten sogar insgeheim, statt der Arbeit nur mit Frida auf der Couch zu kuscheln, „aber dann würde ich wahrscheinlich jammern, dass ich im Business den Anschluss verliere. Den perfekten Weg gibt es nicht.“
Dass sie ihr Kind „erst“ mit 35 bekam, lag nicht zuletzt daran, dass sie vergeblich nach bestärkenden Vorbildern gesucht hatte. „Das klingt hart, aber ich habe fast nur Mütter gesehen, die sich komplett aufgaben – und dann auch noch sagen, das Leben mit Kind sei vorbei. Dass vieles erst da anfängt, wie schön das auch ist, hörst du kaum.“ Auch sie hält ein liebevolles gemeinschaftliches Großziehen von Kindern für den besten Weg, „,it takes a village‘ sagt man, das ist bei uns ein bisschen verloren gegangen. Dass wir uns dafür mehr Raum geben, halte ich für wichtig.“
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