Straße der Frauen: Drei Frauen stehen gemeinsam im Innenhof eines Hauses, unterschiedlich gekleidet und blicken selbstbewusst in die Kamera.

Die Straße der Frauen: Befreiend und blutig

Rund 20 Künstlerinnen bringen die aufwendige Produktion „Straße der Frauen“ auf Burgenlands Bühnen. Eine Probenreportage.

8 Min.

© Sara Bonk

Kann man nicht erfinden“, heißt es so schön, wenn uns mal wieder die Realität erstaunt. Genau genommen, war die Sache zunächst „erfunden“, die nachfolgende Textzeile entstammt Petra Piuks Feder; doch dass sie schon bei der Theaterprobe Wirklichkeit wird, davon ist die Autorin kaum ausgegangen.

„Nur weil ihr gegen Bäume und Burgmauern pinkeln könnt, glaubt ihr, dass euch die Welt gehört?“ – steht da in ihrem pointiert provokanten Text, den Petra Piuk der sagenumwobenen Gertraud von Weisspriach in den Mund legt. In die Rolle schlüpft ab 7. Mai Petra Staduan; sie ist damit eine von rund 20 Künstlerinnen, die die aufwendige Produktion „Straße der Frauen“ auf Burgenlands Bühnen bringen werden.

Zurück zur Anekdote

Während also die Schauspielerin die Figur zu verinnerlichen versucht, vernehmen die Frauen Geräusche aus dem beschaulichen Wiener Innenhof, wo die ersten Proben stattfinden – und stellen entsetzt fest: „Da pinkelt einer auf die Blumentöpfe“, erzählt Petra Staduan. „Das geht ja gar nicht! Ich bin ausgezuckt und habe den Typen sofort verscheucht. Aber es war eine gute Energie für meine Tirade gegen das Patriarchat“, lacht sie. Noch ehe es zu den Bühnenproben ins Offene Haus Oberwart ging, durften wir uns in Wien einen Vorgeschmack holen.

Petra Strasser, Myriam Angela und Petra Staduan

Die Idee zu „Straße der Frauen“ hatte Peter Wagner, Kurator und Intendant der Theaterinitiative Burgenland. Die „Tyranninnen, Weißen Frauen, Blutgräfinnen und andere legendäre Erzählungen“, wie es im Untertitel heißt, spukten ihm schon lange durch den Kopf. Diesen teilweise historischen Figuren sollte nicht er neues Leben einhauchen, fand er, sondern Frauen – in Text, Bild und Musik. Männer wirken bei dieser Produktion hinter den Kulissen mit. Das Team, das er beauftragte, klingt wie Musik in feministischen Ohren:

Johanna Sebauer schrieb eine humorvolle Episode über die Rosalia von Forchtenstein, das Bühnenbild dazu stammt von Ilse Lichtenberger. Wie bereits erwähnt, lässt Petra Piuk – mit Bildern von Judith Horvatits – Gertraud Weisspriach auferstehen, mit der Weißen Frau von Bernstein beschäftigten sich Theodora Bauer und Elke Misch­ling.

Doris Schamp malte das dreiteilige Bühnenbild zu Sophie Reyers Text über die Blutgräfin Erzsébet Báthory; über das Massaker von Rechnitz und Margit von Batthyány-Thyssen trauten sich die Malerin Petra Neulinger und die Autorin Katrin Bernhardt drüber, die passenderweise studierte Archäologin ist. Die Hexenprozesse von Eberau teleportieren künstlerisch die Autorin Sanja Abramovic und Renate Holpfer in die Gegenwart. Katharina Tiwald schrieb die Rahmenhandlung von „Die Straße der Frauen“: eine touristische Tour durch das Burgenland, die von Burg zu Burg führt.

Schlechtes Image

„Die Idee war, Burgfrauen und andere berühmte Erscheinungen des Landes von patriarchalen Erzählungen zu entkoppeln. Im Zentrum steht Selbstermächtigung, die Frauen berichten jetzt sozusagen aus ihrer Perspektive“, beschreibt Valentina Himmelbauer, die gemeinsam mit Peter Wagner Regie führt. Sie betont sogleich: „Das hier ist ein kollektiver Prozess, in den sich alle Mitwirkenden einbringen.“ – „Eine sehr runde Arbeit mit vielen feministischen Perspektiven“, ergänzt Regieassistentin Sara Bonk.

Und die braucht es auch, denn bislang hatte der Großteil der genannten Figuren ein vorwiegend schlechtes Image: Sie galten als „emotionale, teils unberechenbare, instinktgelenkte Frauen“, weiß Valentina Himmelbauer. „Wir wissen ja, dass die Zuschreibungen lange nur Männer im Griff hatten, weil sie über lange Zeit die Geschichte geschrieben haben.“ Die Autorinnen haben die überlieferten Erzählungen hinterfragt und aufgebrochen, teilweise tauchten auch klare Belege dafür auf, dass sich Unwahrheiten über Jahrzehnte oder Jahrhunderte hielten. „Die Episoden stellen neue Fragen, stoßen neue Überlegungen an“, sagt Valentina Himmelbauer.

Tote Hedonistin

Bei der Probe treffen wir die Autorin Theodora Bauer an. Als Peter Wagner sie kontaktierte, sei zwar gerade viel los gewesen, aber ein solches Projekt abzulehnen, sei für sie nicht infrage gekommen, „überhaupt als ich gehört habe, dass Katharina Tiwald für mich die Weiße Frau ausgewählt hat“, verrät sie.

„Das Schreiben hat wahnsinnig Spaß gemacht, auch weil die Weiße Frau ein renitenter Geist ist, die sich nicht einmal davon unterkriegen lässt, dass sie umgebracht wurde, und das Leben zu genießen versucht. Gerade durch Geister kommt man schön zum Reflektieren über Weiblichkeit: Es geht um sichtbar und unsichtbar sein, um angeschaut werden und mysteriös sein und um ein Leben durch Projektionen.

“ Die Weiße Frau soll ihren Gatten, einen kriegerischen Feldherren, betrogen haben; als dieser das herausfand, legte er den Nebenbuhler um und mauerte seine Frau ein. Seither soll sie durch Bernstein spuken; angeblich trafen immer wieder Menschen zusammen, um auf sie zu warten. „Es gab einen Vorfall, wonach ein Mann auf ihren Geist sogar geschossen hat, es gibt Einschlagspuren in der Kapelle. Ich finde, das sagt ziemlich viel über eine verfahrene Männlichkeit aus, wenn man auf einen Geist schießt, das hab’ ich gleich als Ausgangspunkt genommen“, lacht Theodora Bauer.

Das erste Bühnenbild, das Doris Schamp für die Episode der „Blutgräfin“ Erzsébet Báthory malte, „war ein richtiges Blutschlachtfeld“, verrät sie. Die Figur war ihr ein Begriff, in der Nähe der Wiener Albertina soll es ein Gebäude gegeben haben, wo die schönsten Mägde verschwunden sein sollen, damit sie in Blut baden konnte.

„Ich hatte ein ziemlich konkretes Bild von ihr, hab’ aber weiter recherchiert – und bin auf immer mehr Informationen gestoßen. Wie beispielsweise auf eine Arbeit einer Juristin, die den Fall noch einmal aufgearbeitet hat und zu dem Schluss kommt, dass sie unschuldig war“, beschreibt Doris Schamp. Die Schaudergeschichten dürften entstanden sein, weil einige Männer in der vermögenden Witwe eine Bedrohung sahen. Also „verwarf“ die Künstlerin ihre erste Arbeit und malte ein farblich kraftvolles Triptychon, das eine Entwicklung widerspiegeln soll.

Mit Musik und Tanz

Bei der Probe begegnen wir auch den drei Schauspielerinnen Petra Staduan, Petra Strasser und Myriam Angela, die auch für die Choreografie tänzerischer Teile verantwortlich zeichnet. Das Trio wird an einem Abend quasi einen bunten Strauß an Figuren verköpern – noch dazu zwischen den unterschiedlichen Episoden mit unterschiedlichen Stimmungen switchend. „Dabei helfen uns natürlich die Bilder, die Kostüme, das Licht und die Musik“, schwärmt Petra Staduan. „Miras tolle Musik macht einen großen Teil des Stückes aus. Das hier ist wirklich ein Gesamtkunstwerk; seit heute wissen wir, dass wir auch tanzen werden“, lacht Petra Strasser, die sich vor allem auf die Darstellung der Weißen Frau freut.

Sechs eigens für „Die Straße der Frauen“ komponierte Lieder wird die Singer-Songwriterin Mira Perusich bei jeder Aufführung live spielen; sie mag diese neue Art von Arbeiten an Musik, erzählt sie, und reichert ihre Werke gerne „mit schönen Inputs“ der anderen Künstlerinnen bei den Proben an. Auch sie setzte sich viel mit den Figuren auseinander: „Für mich war es interessant, meinen Blickwinkel zu erweitern, auch auf Frauen zu stoßen, die nicht unproblematisch waren, und mir zu überlegen: Wie funktioniert der Feminismus da?“

Im Finale, wenn es um die „Hexenprozesse“ von Eberau gehen wird, verkörpert Myriam Angela die junge Lena, die mit ihrer Mutter auf keinen grünen Zweig zu kommen scheint, dafür von einer Hexe bestärkt wird. „Ein sehr kraftvolles Ende für die Produktion, die zum Schluss noch Fragen aufwirft wie: Was machen wir jetzt weiter damit? Was ist unsere Aufgabe als Frauen? Was geben wir weiter? Wie halten wir zusammen – nicht nur in der Gruppe, sondern auch intersektional?“, beschreibt die Schauspielerin. Und ihre Antwort darauf? „Es tut sich was. Jetzt gilt es, weiter Dialoge zu führen, mit unterschiedlichen Generationen und auch mit solchen Produktionen und unseren Geschichten. Und mit der klaren Botschaft: Ein Nein ist ein Nein.“

„Die Strasse der Frauen“

Uraufführung/Koproduktion Theaterinitiative Burgenland & Landestheater der Autor:innen mit dem Offenen Haus Oberwart (OHO)

Premiere: 7. Mai, 19.30 Uhr, OHO

Weitere Vorstellungen:

Offenes Haus Oberwart:
8. und 9. Mai, 19.30 Uhr;
10. Mai, 11 und 17 Uhr
Tel.: 03352/38 555 oder via Mail: karten@oho.at, oeticket

KUGA Großwarasdorf:
22. und 23. Mai, 19.30 Uhr

Kultur Kongress Zentrum Eisenstadt:
19. Juni, 19.30 Uhr

OFF Theater Wien:
25. und 26. Juni, 19.30 Uhr

www.thib.at

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