Michael Steiger sitzt entspannt in einem modernen Innenraum.

Vom Dorftratsch auf die große Bühne

Michael Steiger über Heimatgefühl, Humor als Überlebensstrategie und den Mut, eigene Wege zu gehen.

6 Min.

Michael Steiger © Vanessa Hartmann

Endlich hat der Manfred der Marlene einen Heiratsantrag gemacht! Und über 17.000 Follower haben dies zwischen den Weihnachtsfeiertagen auf Social ­Media mitverfolgt. Wer Michael Steiger (@michidersteiger) bereits kennt, weiß, wovon ich spreche. Wer nicht, der sollte dieses Interview umso genauer lesen.

Wir treffen den 26-Jährigen an einem frühen Nachmittag in einem Café in der Eisenstädter Innenstadt, nur ein paar Autominuten von seinem Heimatort Rust entfernt. Draußen zieht der Alltag vorbei, drinnen sitzt ein junger Mann, der gerade spürt, wie schnell sich das Leben verändern kann. Ebenso schnell und unruhig flitzt der junge Chihuahua-Spitz-­Misch­ling Django während des Interviews zwischen unseren Beinen herum – ein Detail, das passt, weil es genauso bodenständig und echt ist wie Michis Humor.
Auf Instagram kennt man ihn vor allem als Gerti – eine burgenländische Dame, die das mittlere Alter schon etwas überschritten hat und die mit Alltagsbeobachtungen, Dialekt und feinem Gespür für Zwischenmenschliches zig­tausende Menschen erreicht. Im Gespräch wirkt Michi ruhig, reflektiert und ein bissl vorsichtig. Doch gleichzeitig spürt man diesen inneren Antrieb, der ihn genau dorthin gebracht hat, wo er jetzt steht.

Michael Steiger im Interview mit einer Frau – beide an einem Tisch sitzend mit Mineral-Zitron darauf
Chefredakteurin Nicole Schlaffer mit Michi Steiger im Café im Hof © Vanessa Hartmann

In den letzten Wochen haben mich viele angesprochen, ob ich diesen lustigen, jungen Typen schon kenne, der im Netz burgenländische Alltags­anekdoten zum Besten gibt. Wann hast du gemerkt: Puh, da passiert jetzt wirklich was?
So richtig realisiert hab ich es, als plötzlich Mails von Unternehmen gekommen sind, die mit mir geschäftlich kooperieren wollen. Die Followerzahlen sind zwar stetig gewachsen, aber wenn man täglich damit beschäftigt ist, merkt man das kaum. Diese Anfragen haben mir aber gezeigt, welche Wellen das gerade schlägt. Und heute werde ich sogar auf der Straße angesprochen oder im Restaurant um ein Foto gebeten (lacht).

Wie bist du auf die Idee gekommen, damit zu starten?
Ich habe vor ein paar Jahren meinen Brotjob als Pfleger aufgegeben und eine dreijährige Schauspielausbildung gemacht. Danach war erst einmal Flaute, wie bei vielen nach der Ausbildung. Ich hab alle Theater von Rust bis Deutschland angefragt, aber leider ohne Erfolg. Im Februar 2025 hab ich schließlich wieder eine Stelle als Pfleger angenommen und parallel überlegt, was ich weiter machen kann. Comedy und Kabarett haben während der Ausbildung schon gut funktioniert, vieles entstand aus Situationskomik. Im August 2025 war ich in Kroatien im Urlaub und wenngleich mir der Pflegeberuf gut gefällt, war ich mit dem Karriere-­Stillstand als Schauspieler und Kabarettist unzufrieden. Ich hab mir gedacht: Jetzt mach ich einfach Videos.

Michael Steiger im Gespräch an einem Tisch, mit kleinem Hund auf dem Schoß.“
Michi mit seinem Chihuahua-Spitz-Mischling Django © Vanessa Hartmann

Du hast trotzdem lange gekämpft.
Die Branche ist hart, das habe ich die letzten Jahre und auch während meiner Ausbildung gelernt. Aber auch das: Wenn man etwas erreichen will, muss man dranbleiben. Als ich begonnen hab, die Videos zu posten, kam plötzlich ein Schub, zuerst auf TikTok – das hat mir das Selbstbewusstsein gegeben, auch auf Instagram regelmäßig zu posten. Der rasche Zuwachs hat mich ermutigt weiterzumachen.

Die Figur Gerti ist zentral für deinen Erfolg. Gab es ein Konzept?
Gar keines. Ich hab einfach angefangen zu filmen. Die Figur war nie als etwas Bleibendes gedacht. Erst durch die Reaktionen der Zuschauer*innen ist diese durchgehende Geschichte entstanden. Plötzlich wollten alle wissen, wie es weitergeht mit der Sabine ihr’n Bua. Es hat sich eine Dorfgemeinschaft mit immer mehr Figuren entwickelt. Der Name Gerti kam durch eine Umfrage – das Publikum hat sie benannt.

Dein Content ist sehr burgenländisch und funktioniert trotzdem weit darüber hinaus. Warum?
Ich hab anfangs geglaubt, dass der Dialekt entscheidend ist. Mittlerweile weiß ich: Es geht um ein Heimatgefühl. Menschen aus ganz Österreich schreiben mir, dass sie ihre Oma, Tante, Nachbarin oder Mama darin erkennen. Das sind banale Alltags­geschichten, nichts Spektakuläres. Und genau das verbindet.

Gibt es reale Vorbilder?
Die Frauen in meiner Familie sind eigentlich ganz anders. Es ist eher eine Mischung aus Eindrücken aus meiner Kindheit. Meine Oma hatte lange Fremdenzimmer, da haben sich Nachbarinnen getroffen, geredet, getratscht. Ich bin in einem sehr frauendominierten Umfeld aufgewachsen, mit starken Macher-Frauen. Dieses Milieu hat sich eingeprägt.

Ich bin kein Influencer. Ich bin Schauspieler und
Kabarettist.

Michael Steiger in nachdenklicher Pose vor einem Kunstwerk.
Michael Steiger © Vanessa Hartmann

Wie hat deine Familie auf deinen Weg reagiert?
Sie waren Fans der ersten Stunde. Auch bei der Schauspielausbildung haben sie mich unterstützt. Meine Mama ist Anfang 2020 verstorben. Ich habe mich ihr gegenüber verpflichtet gefühlt, das zu tun, was ich liebe. Der Humor, den ich heute lebe, war damals ein Schutzmechanismus, um mit den schwierigen Situationen umzugehen, vor die das Leben mich gestellt hatte.

Du hast dich auch geoutet.
Das, was ich heute zelebriere – dieses Gerede, dieser Dorftratsch – war früher oft Zwang. In meiner Familie war mein Outing nie ein Problem. Schwieriger war mein eigenes Kopfkino, dieses ständige „Was werden die anderen sagen?“ und „Was denkt sich meine Familie, wenn andere etwas zu ihnen sagen?“. Ich selber war mir ja egal, aber ich hab mich immer gesorgt, wie meine Familie reagieren wird, wenn was gesagt wird. Aber auch mir gegenüber gab es Aussagen, die verletzend und homophob waren. Heute würde ich anders reagieren, selbstbewusster.

Wie sieht dein Alltag aktuell aus?
Ich arbeite Teilzeit in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit schweren Behinderungen, ganz in der Nähe meiner Wohnung in Wien. Ich war bei meinen Vorgesetzten von Anfang an offen mit meinen Zielen. Derzeit leite ich die WG sogar interimistisch. Der Social-Media-­Hype läuft parallel – das ist viel, aber es funktioniert. Ich versuche, alle paar Tage ein Video zu machen und nebenbei die Nachrichten und Mails zu beantworten.

Porträt von Michael Steiger in Innenraum mit Kunst im Hintergrund.
Michael Steiger © Vanessa Hartmann

Spürst du Druck, ständig liefern zu müssen?
Ja, der ist da. Meine Videos entstehen spontan, ohne Skript. Ich überlege mir einen Ort, dann rede ich. Mehrere Videos hintereinander kann ich nicht machen, sonst wird’s zu ähnlich, weil ich so lang drin bin in einer Situation – vorproduzieren funktioniert für mich also nicht.

Gibt es Themen, die du auf ­Social Media bewusst ausklammerst?
Politik. Da ist der Grat sehr ­schmal. Als Gerti bleibt das draußen. Privat bin ich im Zwiespalt, weil Reichweite Verantwortung bedeutet. Themen wie die geplanten AMS-Änderungen beschäftigen mich sehr. Die Mehrzahl der aktiven Schauspieler*innen/Kunstschaffenden ist beim AMS gemeldet zwischen ihren Engagements. (Anm.: Seit Jänner 2026 ist die Möglichkeit, neben dem Arbeitslosengeld geringfügig dazuzuverdienen, stark eingeschränkt.)

Welche konkreten Angebote bekommst du und was planst du für deine Karriere künftig?
Jetzt habe ich z. B. an einem Comedy-Krimi für Social Media mitgewirkt. Es kommen verschiedenste Kooperationsanfragen. Ich bin sehr selektiv, Werbung muss in eine Geschichte passen. Unterhaltung steht an erster Stelle. Ich sehe mich nicht als Influencer. Ich bin Schauspieler und Kabarettist. Und deswegen arbeite ich gerade auch an einem Live-Bühnenprogramm. Der Premierentermin wird derzeit fixiert, es wird wohl im Frühsommer sein – und natürlich wird er im Burgenland stattfinden. Das Programm wird eine Mischung aus Michi und Gerti – ich allein auf der Bühne, mit Requisiten und eventuell Musik. Das Bühnenbild hab ich schon im Kopf (schmunzelt).

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