Tabuthema Trauer: Warum wir offen über Verlust sprechen sollten
Interview mit Trauerbegleiterin Judith Gahleitner
© Milada Vigerova / Unsplash
Egal, ob der Verlust eines geliebten Menschen, einer Beziehung oder ein neuer Lebensabschnitt – Trauer kann viele Formen annehmen. Wir haben mit einer Expertin darüber gesprochen, warum es so wichtig ist, offen darüber zu reden.
Trauer hat viele Formen
Wir alle sind in unserem Leben mit der einen oder anderen Form von Trauer konfrontiert: sei es der Tod eines nahestehenden Menschen, eine Trennung oder sogar ein Jobwechsel oder die Menopause. In unserer schnelllebigen Gesellschaft wird dann oft erwartet, dass wir so rasch wie möglich wieder zur Normalität zurückkehren. Doch Trauer ist kein linearer Prozess, sondern erfordert Zeit und Raum. Und jeder Mensch geht anders damit um: Während die einen Halt in ihrem sozialen Umfeld finden, fällt es anderen schwer, sich ihrem engsten Kreis zu öffnen, und sie suchen sich stattdessen lieber Hilfe von außen. Hier kommt die Trauerbegleitung ins Spiel. Sie bietet Unterstützung und hilft dabei, den Schmerz zu bewältigen und neue Wege zu finden, mit dem Verlust umzugehen. Wir haben mit Judith Gahleitner, Lebens- und Sozialberaterin mit Schwerpunkt Trauerbegleitung, darüber gesprochen, wie das am besten gelingt – und wie man auch anderen dabei helfen kann, mit ihrer Trauer besser umzugehen.
Interview mit Trauerbegleiterin Judith Gahleitner
Was genau ist Trauerbegleitung, wie arbeiten Sie?
Ich schaue zuerst, was da ist und lasse mir erzählen, worum es geht und was alles passiert ist. Ich versuche, mir ein Bild von der Situation des Trauernden oder der Trauernden zu machen. An erster Stelle steht für mich zu schauen, was ist noch alles da – Schwierigkeiten gibt es oft mit Gefühlen, die mit der Trauer verbunden sind, wie etwa Wut, Ärger oder Schuld. Vor allem Schuld ist ein ganz, ganz großes Thema. Zum Beispiel Schuldgefühle oder Schuldgedanken, speziell auch bei Suizid: „Ich hätte vielleicht noch das sagen sollen oder das vielleicht tun sollen oder nicht tun sollen.“ Aber Schuld ist auch eine Art von Verbindung. Und es ist immer wichtig, wenn jemand verstorben ist, dass wir eine Art Verbindung zu demjenigen aufrechterhalten oder neugestalten, anstatt sie zu kappen und nicht mehr darüber zu sprechen. Gemeinsam mit den Menschen schaue ich dann, wie wir eine andere Verbindung finden können. Zum Beispiel in Form eines Bildes, das man aufhängt, doch über den Verlust sprechen, zum Grab gehen, zu Hause eine kleine Erinnerung gestalten, ein Fotobuch machen etc. – eine andere, neue Art von Verbindung, die bleiben soll und auch bleiben muss. Das ist essenziell wichtig!
Manchmal müssen wir aber auch akzeptieren, dass die Trauer bleibt und wir ihr Raum geben müssen, oder?
Genau. In einem Ausmaß, das uns aber auch normal weiterleben lässt. Das ist wichtig. Wenn mich die Trauer so lähmt, dass ich nicht einmal mehr fähig bin, einkaufen zu gehen, dann ist es notwendig, sich Unterstützung zu holen. Oder auch einfach, um das Leben zu erleichtern, denn das Leben ist ab diesem Zeitpunkt anders. Es wird nie wieder so sein, wie es einmal war. Sehr oft wird von der Gesellschaft, im beruflichen Kontext oder teilweise auch von der Familie und Freunden verlangt: „Sei jetzt bitte wieder genauso, wie du vorher warst!“ Aber es ist nichts so wie früher. Man muss seinen eigenen neuen Weg finden – und auch auf diesem Weg begleite ich bei Fragen wie: Was ändert sich ab jetzt? Wie kann ich mein Leben jetzt neu gestalten?
Warum gibt es in unserer Gesellschaft immer noch zu wenig Platz für Trauer?
Meiner Meinung nach geht vieles in den letzten Jahren in die Richtung: „Alles ist gut, und wir müssen alle ewig jung bleiben und ewig schön und immer voller Energie und immer ausgeglichen!“ Oft steht nur das Positive im Vordergrund. Trauer ist jedoch etwas Unangenehmes, sie schmerzt auf allen Ebenen – körperlich und seelisch, sie schmerzt überall. Auch der Tod wird meiner Meinung nach oft verdrängt, und darüber sprechen wir lieber nicht mehr. Stattdessen reden wir viel lieber darüber, wie wir möglichst gesund alt werden können – was an sich gut ist und auch so passt. Doch ich habe das Gefühl, das steht viel mehr im Vordergrund. Vor allem auf Social Media wird oft vermittelt, dass wir alle super und toll sein müssen. Aber es gibt auch Dinge im Leben, die unangenehm und schrecklich sind. Auch das gehört zum Leben dazu und sollte gut integriert werden. Wenn wir es verdrängen, beginnt es innerlich zu gären. Es gibt auch Ereignisse, die selbst die resilientesten Menschen aus der Bahn werfen können.
Was passiert, wenn man sich nicht mit der Trauer auseinandersetzt?
Dann dauert es erstens einmal länger und –ein schöner Vergleich, den ich einmal in einem Podcast gehört habe: Es ist, als würden wir einen aufgeblasenen Luftballon unter Wasser halten. Es kostet extrem viel Kraft, und irgendwann poppt es auf. Und das dann unkontrolliert und in Momenten, in denen wir es überhaupt nicht gebrauchen können. Trauer ist eigentlich etwas Gutes. Chris Paul sagt auch: „Trauer ist die Lösung und nicht das Problem“. Es ist gut zu trauern. Wir sollen durch die Trauer durchgehen. Denn auch, wenn wir versuchen, daran vorbeizugehen – sie kommt. Sie kommt heftiger und komplett unkontrolliert und kann uns im Alltag lähmen und unser Leben komplett durcheinanderwürfeln.
Wie kann ich anderen im Umgang mit ihrer Trauer helfen?
Es ansprechen und immer wieder auf die Person zugehen. Die bekannte Frage „Wie geht es dir?“ ist etwas schwierig. Ich frage zum Beispiel oft: „Wie geht es dir wirklich? Wie geht es dir heute?“ Manche empfinden das „Wie geht es dir?“ schon als Hohn und schießen dann zurück mit: „Na wie soll es mir gehen? Nicht gut!“ Man kann es schon fragen, aber dann auch nachfragen: „Magst du darüber reden? Magst du es mir erzählen?“ – einfach signalisieren „Ich bin da. Ich möchte es wirklich wissen. Was brauchst du?“ Manchmal ist es auch gar nicht schlecht – das kommt natürlich auch auf die Persönlichkeiten an – einfach mit Essen zu kommen und zu sagen: „Du, ich habe mir gedacht, vielleicht magst du etwas essen.“ Wenn die Person nicht essen will, ist das auch okay. Es geht einfach darum, wirklich da zu sein. Viele Trauernde wehren im ersten Moment ab und sagen: „Ich melde mich dann.“ Oder viele Leute schreiben: „Sag es mir, wenn du etwas brauchst.“ – Das ist zu wenig. Wirklich da sein, echt da sein und es mit aushalten und eine echte Präsenz zeigen – das hilft.
Was möchten Sie Menschen mit auf den Weg geben, die mit Trauer zu kämpfen haben?
Ein Appell an alle Angehörigen: „Seid da, redet, aber schaut auch auf euch selbst!“ Wir können nur für andere da sein, wenn wir auch auf uns selbst schauen. Speziell Frauen neigen oft dazu, sich völlig aufzugeben und für andere da zu sein. Meistens sind aber Frauen die Dreh- und Angelpunkte in der Familie. Da ist es ganz, ganz wichtig, dass sie auch auf sich selbst achten und sich nicht immer an letzte Stelle stellen, sondern in solchen Situationen auch zumindest einmal eine Stunde spazieren gehen und solche Kleinigkeiten nicht zu vergessen. Wir können nur für andere da sein, wenn wir auch stark sind!

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